Hoffnung und Verzweiflung

Was die Verhaftung eines Dichters und konservativen Rebells über die politische Stimmung in der Arabischen Welt verrät

(Eine Version dieses Artikel erschien in Zenith, Winter 2025, S. 71-73.)

Im Dezember 2024 war Abdul-Rahman Yusuf voller Euphorie und Hoffnung. Aus dem Exil in Istanbul reiste der ägyptische Dichter und Aktivist über Beirut nach Damaskus. In der Umayyaden-Moschee angekommen, nahm er ein überschwängliches Statement für seine hunderttausenden Follower in den sozialen Medien auf:

Heute, am 26. Dezember 2024, feiern wir den Sturz des Tyrannen Assad. Das syrische Volk – ja, das gesamte arabische Volk – feiert und ist voller Zuversicht. […] Der Sieg ist nah – in Ägypten, in Tunesien, in Libyen, im Jemen und in allen Ländern Gottes, die sich gegen Unterdrückung und Tyrannei erhoben haben

Abdalrahman Yusuf in der Umayyaden-Moschee, 26.12.2024

Er setzte – nun eher grollend als hoffnungsfroh – fort:

Wir bitten Gott, dem syrischen Volk und seiner neuen Führung beizustehen, damit sie all den finsteren Herausforderungen standhalten, die von der ganzen Welt ersonnen werden – an vorderster Front unter den Intriganten und Verschwörern: die arabischen Schand-Regime und die arabischen Zionisten – die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Ägypten und andere. Und wir sagen ihnen: Ihr werdet nichts ausrichten können gegen die Flut des Wandels – jene Flut, deren zweite Welle am 7. Oktober 2023 in Gaza begann

Nicht zum ersten Mal verband Abdul-Rahman Yusuf hier die Wut und Verzweiflung über den zunehmend genozidalen Gaza-Krieg mit dem Aufruf zu revolutionären Umstürzen in der Region. Über Jahre hatte er die Annäherung zwischen Saudi-Arabien, den VAE und Israel mit beißender Polemik kommentiert und wortgewaltig die Sache des militanten palästinensischen Widerstands verteidigt – wie in dieser Ode auf den Hamas-Sprecher Abu Ubayda:

O Vermummter, hüte dich vor den bösen Herrschern / wenn sie dich grüßen, so sind sie doch nicht edel.
Sie standen als Löwen vor ihren Völkern / doch vor den Kolonialherren sind sie Sklaven.
Du siehst die Krallen ihres Verrats in unseren Rücken / und Gesichter, die keine Treue kennen.

Steh auf, o Vermummter, und tränke sie aus deinem Vernichtenden /
einem Becher, bei dem die Eingeweide zerreißen.

In Abu Dhabi, Riad und Kairo sah man nun offenbar eine günstige Gelegenheit gekommen, Yusuf unter Einsatz diplomatischer Druckmittel aus dem Verkehr zu ziehen. Unmittelbar nach seiner Abreise aus Damaskus am 28. Dezember wurde er an der libanesischen Grenze verhaftet und in Untersuchungshaft genommen; wenige Tage später beschloss das libanesische Kabinett seine Deportation in die Emirate. Zwar brach dieses Vorgehen libanesisches und internationales Recht, doch die Türkei, deren Staatsbürger Yusuf seit Mitte der 2010er-Jahre ist, blieb zumindest öffentlich untätig. Seitdem ist Yusuf in einem emiratischen Gefängnis verschwunden, ohne Anklage, Prozess oder rechtlichen Beistand.

Rückblende: Kairo, zwanzig Jahre zuvor. Im dritten Jahrzehnt seiner Herrschaft regt sich Widerstand gegen Präsident Hosni Mubarak und seinen Plan, Amt und Staat an seinen Sohn Gamal zu vererben. Mit Kifaya bildet sich 2003 eine breite Oppositionsbewegung, die schließlich etwas überraschend in die Revolution von 2011 mündet. Hier findet Abdul-Rahman Yusuf, ein lebensfroher, etwas dandyhafter Mittdreißiger auf der Suche nach einer Aufgabe, sein politisches Biotop.

Abul-Rahman Yusuf ist der Sohn eines berühmten Vaters, der auch mit der ägyptischen Demokratiebewegung sympathisiert: der Islamgelehrte Yusuf Al-Qaradawi (1926–2022). Dieser ist in den 2000er-Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Seine Auftritte als Fernsehmufti beim katarischen Sender Al-Jazeera haben ihn berühmt gemacht, gleichzeitig zieht er die Strippen in einem weltweiten Netzwerk islamischer Organisationen. Als intellektueller Kopf des Reformflügels der Muslimbruderschaft (Ikhwan) hat er den Islamisten den Demokratiegedanken erst nahegebracht. Er glaubt, dass die Muslimbrüder genug Überzeugungsarbeit im Volk geleistet haben, um sich bei freien Wahlen durchzusetzen. Warum also nicht mehr Volksherrschaft wagen?

Abdul-Rahmans Sprache hingegen ist nicht die des islamischen Rechts, sondern der Dichtung.

ِAbdalrahman Yusuf 2008 als aufstrebender Dichter (Quelle: al-Arabiya)

Seine frechen, furchtlosen Spottverse gegen Mubarak sorgen für Heiterkeit und elektrisieren vor allem junge Männer, die Ungerechtigkeit und Korruption im Land auch als persönliche Demütigung erleben. Ein bekanntes seiner Gedichte malt das Bild eines verlotterten Präsidentenhaushalts, in dem Mubarak gegenüber seiner Frau Suzanne nichts zu melden hat und die beiden Söhne von den Bauchtänzerinnen Lucy und Dina erzogen werden. Weiterhin mutmaßt das Gedicht, dass Suzanne Mubarak auch beim gesamten ägyptischen Volk die »Entfernung der Hoden« im Schilde führe.

Mubarak unternimmt gegen solche Angriffe unter der Gürtellinie – erstaunlicherweise nichts. Vielleicht möchte er den aufmüpfigen Dichter nicht durch Beachtung zu einem verfolgten Dissidenten aufwerten. Doch wie kommt es überhaupt, dass der Sohn eines konservativen Islamgelehrten durch vulgäre Protestdichtung auf sich aufmerksam macht? Von Bekannten der Familie wird Abdul-Rahman als schwieriger, impulsiver junger Mann beschrieben, der gegen das elterliche Milieu aufbegehrt. Mitte der 2000er-Jahre zieht er von Katar nach Ägypten und beginnt, im Eigenverlag erste Gedichtsammlungen zu veröffentlichen. Er tut dabei einiges, um seine künstlerische Identität von seiner privilegierten Familienherkunft zu trennen und sich in ein Sprachrohr des einfachen Ägypters zu verwandeln:

Ich möchte einen Gedichtband schreiben über die Anliegen des ägyptischen Bürgers, der im Zug verbrennt, auf der Fähre ertrinkt, dessen Würde auf Polizeiwachen verletzt wird.

Symbolträchtig verzichtet Abdul-Rahman Yusuf auf die Nennung des berühmten Familiennamens Al-Qaradawi und erklärt – zum Entsetzen seiner Familie – öffentlich seinen Verzicht auf den katarischen Pass. Schließlich geht er auch zur Muslimbruderschaft auf Distanz, der sein Vater trotz mancher Meinungsverschiedenheiten loyal verbunden bleibt.

Doch bei aller Reibung gibt es auch klare Gemeinsamkeiten zwischen Vater und Sohn. Gedanklich bleibt Abdul-Rahman Yusuf im islamisch-konservativen Kosmos verwurzelt: Seine Gedichte sind durchzogen von religiösem Pathos, spielen häufig auf den Koran, den Propheten und die großen Helden der islamischen Geschichte an. Auch die dichterische Rebellion gegen das Bestehende ist religiös motiviert:

Die Dichtung verkündet den Wandel / ein Volk preisend, das sich nie vor einem anderen als dem Gott des Universums niederwarf.

Sein politisches Credo »Freiheit vor der Scharia« versteht Abdul-Rahman Yusuf als konsequente Umsetzung der Botschaft des Vaters. Anders als dieser definiert er sich jedoch keinesfalls als Islamist, sondern – im Sinne der Kifaya-Bewegung – als »Liberaler«, der die unterschiedlichen Lebensstile der Ägypter respektiert. Man könnte von einer zentristischen politischen Identität sprechen, welche die Gemeinsamkeiten zwischen allen Ägyptern beschwört. Stets unterstützte Abdul-Rahman politische Figuren, die einigende Qualitäten hatten, wie den liberalen Nobelpreisträger Mohammed el-Baradei oder den Ex-Muslimbruder und Präsidentschaftskandidaten von 2012 Adel-Moneim Abul-Futuh.

Den emotionalen Kitt bildet in Abdul-Rahman Yusufs Gedichten dabei ein heroisch-tragischer Nationalismus; unablässig beklagen sie den Verlust von Ehre, Stolz und Tapferkeit, die politische Feigheit und kulturelle Korruption der Machthaber und Eliten. Während die Alten diese Zustände hingenommen haben, erhebt Abdul-Rahman Yusuf seine Stimme für die »neue Generation«, die aufbegehrt und Veränderungen einfordert.

Mit der Revolution von 2011 schien die Zeit dieser neuen Generation gekommen, Abdul-Rahman Yusuf erlebte den Höhepunkt seiner öffentlichen Karriere. Seinen politischen Grundeinstellungen blieb er – angesichts des scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs der Muslimbruderschaft an die Macht – bemerkenswert treu. Er kannte die Schwächen der Ikhwan und erfasste intuitiv, dass sie aufgrund ihrer rigiden Organisationshierarchie, ihrem kurzsichtigen Taktieren, und ihrem fehlenden Sinn für politische Stimmungen nicht in der Lage sein würden, die Revolution zu führen.

Im Sommer 2013 forderte eine breite Protestbewegung den Rücktritt des Muslimbrüder-Präsidenten Muhammad Mursi. Die ägyptische Gesellschaft spaltete sich rasant in Befürworter und Gegner der Muslimbruderschaft. Vater Qaradawi – im Zweifel stets loyal gegenüber den Ikhwan – veröffentlichte nach dem Putsch des Militärs gegen Mursi am 3. Juli eine Fatwa: Alle Ägypter seien zum Gehorsam gegenüber dem gewählten Präsidenten verpflichtet. Abdul-Rahman Yusuf verfasste eine scharfe Replik: Mursi habe durch diktatorische Tendenzen seine demokratische Legitimität gegenüber dem ägyptischen Volk verspielt. Das Militär handle lediglich in Umsetzung des Volkswillens:

Der Volkswille, der sich am 30. Juni erhob, ist nichts anderes als die Fortsetzung des 25. Januar. Und wenn manche aus den Reihen des alten Regimes glauben, dies sei der Weg für ihre Rückkehr, dann sage ich Dir voller Gewissheit: Sie irren sich. Diese außergewöhnliche Generation wird sich jedem Unterdrücker entgegenstellen. Sie wird ihre Revolution nicht aufgeben, bevor sie ihre Ziele erreicht hat – ob der Unterdrücker einen Helm trägt, eine Kappe oder einen Turban.

Dieses plebiszitäre Demokratieverständnis stellte sich im Nachhinein als kurzsichtig heraus – wie vieles im politischen Denken von Abdul-Rahman Yusuf. Das Militär übernahm die Macht, eine neue Ära des Autoritarismus begann. Der Dichter stand vor der Wahl zwischen Gefängnis und Exil. Er floh nach Istanbul, das in der Folge neben London und Doha zu den wichtigsten Zentren der islamistischen Auslandsopposition wurde. Dort widmete er sein Schaffen dem Widerstand gegen das Sisi-Regime in Ägypten und dessen Patrone in Saudi-Arabien und den Emiraten. Er söhnte sich dabei mit Teilen der Muslimbruderschaft und mit dem Vater aus.

Abdalrahman Yusufs X-Profil vor seiner Verhaftung: mit dem Vater versöhnt

Die kritische Aufarbeitung der Fehler und Versäumnisse des Arabischen Frühlings war nie sein Geschäft. Hoffnungszeichen auf politische Veränderungen gibt es seit Jahren kaum noch, die Autokratien haben sich konsolidiert und ersticken jegliche Opposition bereits im Keim. Yusufs neuere Gedichte tun sich dementsprechend schwer, Aufbruchstimmung zu verbreiten. Es dominiert der Protest, häufig mit einer Neigung zur wahllosen Glorifizierung von Rebellion und Gewalt, und verbunden mit weltfremd anmutenden Prophezeiungen vom baldigen Sieg des Volkes. Wut, Verzweiflung und Realitätsflucht – eine Stimmungslage, die aus Sicht der Machthaber in der arabischen Welt offenbar so verbreitet und gefährlich ist, dass es ratsam war, den Dichter Abdul-Rahman Yusuf vorsichtshalber zum Schweigen zu bringen.