#25Jan – Erinnerungen (1)

26. Januar 2011: Die Demonstration vom Vortag, dem „Tag der Polizei“ ist in aller Munde. Überraschend groß soll sie gewesen sein. Erst spät nachts gelang es den Sicherheitskräften, die Menge aus dem Stadtzentrum zu vertreiben. Es begann als Protest gegen Polizeigewalt, später riefen die Demonstranten auch nach dem „Sturz des Regimes“, wie in Tunesien, wo vor ein paar Wochen erst der langjährige Präsident Ben Ali angesichts eines Volksaufstandes die Flucht ergriffen hat. Ein Vorzeichen für Ägypten? Wir Wissenschaftler – ob Ägypterinnen oder Europäer – sehen das eher nüchtern. Aus den letzten Jahren kennen wir das Spiel zwischen dem Regime und den regimekritischen Intellektuellen und Bewegungen: Es gibt große Freiräume zu reden, sich zu treffen und zu organisieren. Die Oppositionspresse berichtet täglich über das Versagen der Regierung: die „Brotkrise“, der Felssturz von Duwaiqa, die unsinnige Keulung tausender Schweinen als Reaktion auf die „Schweinepest“, eine Krankheit die nachweislich von Mensch zu Mensch übertragen wird. Niemand scheint mehr große Bedenken zu haben, die Regierung offen zu kritisieren.

Straßenszene, Kairo 2008 (c) Y. el-Radhi

Doch sobald es zu politischer Mobilisierung auf der Straße kommt, greift die Polizei mit brutaler Gewalt durch. Viele Aufrufe zu Protesten, verbreitet durch die sozialen Medien und die Oppositionspresse, sind in letzter Zeit schon versandet. Wer – außerhalb dem kleinen Kreis überzeugter Aktivistinnen und Aktivisten – möchte schon das Risiko eingehen, verprügelt und verhaftet zu werden? Ich erinnere mich an eine Tagung vor einigen Monaten: Eine junge ägyptische Politikwissenschaftlerin legt ebenso überzeugend wie ernüchternd dar, wie das Regime die Opposition in Schach hält. Diese ist lebendig, aber je nach politischer Tendenz und Anliegen in viele kleine Gruppen gespalten und zudem fast ganz auf die Hauptstadt dieses großen Landes beschränkt. Aus Sicht des Regimes reichen zwei Dinge: (1) Effektive Kontakte dieser Szene mit der Basis, der breiten Bevölkerung, verhindern; (2) das Entstehen größerer Oppositionskoalitionen verhindern. Solange dies gelingt, droht keine Gefahr. Eine Probe aufs Exempel war die erfolgreiche Unterdrückung der 6. April-Bewegung von 2008, als sich Kairener Intellektuelle mit einem Arbeiterstreik in al-Mahalla al-Kubra, einer Industriestadt im Delta, solidarisierten. Hier kam die Reaktion prompt und brutal. Wahrscheinlich wird es auch diesmal wieder so kommen.

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