Islamwissenschaft 1×1

#1: Was ist Religion?

Wie können wir den Islam wissenschaftlich beschreiben und analysieren?

Zunächst lohnt es sich, einige verbreitete Denkgewohnheiten kritisch zu hinterfragen. Viele populärwissenschaftliche Beschreibungen von Religionen orientieren sich an dem Bild der „vielen bunten Blumen in Gottes Garten“ und konzentrieren sich auf eine Beschreibung der (vermeintlich) charakteristischen Eigenheiten der jeweiligen Religion.

Ich erkläre in meinen Vorlesungen, warum dieses Bild wissenschaftlich nicht weiterführt, ebenso wenig wie ein Bild, das mit einem ähnlichen Zugang die Vielfalt innerhalb des Islams betont. Auch ein Ansatz, der den Islam als Phänomen sui generis betrachtet und (überwiegend) aus sich selbst heraus erklären will, ist nicht ausreichend.

Gefragt sind hingegen analytische Modelle, die erklären können, warum bestimmte Ausprägungen des Islams (und anderer Religionen) gerade heute verbreitet sind und andere nicht. Wo beobachten wir signifikante Veränderungen und in welche Richtungen? Was hat das mit Bevölkerungswachstum und Migration, Kapitalismus, Politik, kulturellen Trends und anderen Faktoren zu tun?

Wichtige Konzepte finden wir in soziologischen Ansätzen zu Säkularisierung, Globalisierung und zum religiösen Feld, sowie in Modellen des „religiösen Wettbewerbs“. Diese müssen auf ihre Relevanz überprüft und an den Gegenstand angepasst werden. Kein soziologisches Modell kann per se jenseits von Raum und Zeit Gültigkeit beanspruchen. Dennoch gelten für den Islam die gleichen Zusammenhänge und Mechanismen wie für andere Religionen. Aus wissenschaftlicher Sicht haben Religionen keinen „unwandelbaren Kern“, sondern einen variablen und wandelbaren Satz typischer Merkmale. Der Rest ist menschliche Praxis und Geschichte.

Vorpolitisch Meets Sebastian Elsässer

Der folgende Text ist eine leicht bearbeitete Transkription meines Gesprächs mit Sebastian Schnelle in seinem Podcast VORPOLITISCH

Unsere Themen:
Kennen junge Menschen alternative Philosophien und Lebensentwürfe?
Was ist eigentlich Aufgabe und Thema der Islamwissenschaft?
Alltag und Religion in der arabischen Welt, was ist gesellschaftlich akzeptiert ist und was nicht?
Was machen die arabischen Staaten, um islamischem Extremismus zu bekämpfen?

Warum ist Imam ein unpopulärer Beruf in arabischen Ländern?
Wo bekommt man in Ägypten ein kühles Bier 😉?

VORPOLITISCH: Hi, Seb hier. Herzlich willkommen zu Vorpolitisch, dem Podcast rund um Gesellschaft, Philosophie und Sozialem. Hier bekommt ihr Shorts zu aktuellen Themen aus einem frischen Blickwinkel serviert. Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von Vorpolitisch meets. Heute mit Sebastian Elsässer. Hallo Sebastian. Schön, dass Du da bist, dass Du dir für uns die Zeit nimmst. Möchtest Du Dich unseren Hörern einmal kurz selber vorstellen, damit sie wissen, wem sie zuhören?

Ja, mein Name ist Sebastian Elsässer. Ich bin Islamwissenschaftler, hab auch Politikwissenschaft und VWL studiert ursprünglich und definiere mich eigentlich im weitesten Sinn als Sozialwissenschaftler mit Schwerpunkt muslimische Länder. Hauptsächlich arbeite ich über Ägypten, Libanon und die weitere arabische Welt, sowie die Türkei. Studiert habe ich in Berlin, jetzt bin ich seit 15 Jahren in Kiel tätig und die letzten 3 Jahre habe ich ein Forschungsprojekt geleitet, wo es über die Muslimbruderschaft ging in verschiedenen arabischen Ländern.

Zum Podcast: https://vorpolitisch.podbean.com/e/vorpolitisch-meets-sebastian-elsasser

Und das klingt super spannend. Ich gehe davon aus, Du sprichst auch fließend Arabisch?

Ja, ich habe das über viele, viele Jahre gelernt. Mit dem Glück oder Zufall, eine Frau aus Ägypten geheiratet zu haben, habe ich heute einen Stand erreicht, wo ich mich in verschiedenen Dialekten auch relativ flüssig verständigen kann, was für meine Arbeit sehr wichtig ist, weil ich sehr gern biografische Interviews führe. Das ist natürlich am ergiebigsten, wenn die Leute mir ihre Lebensgeschichte in ihrer Muttersprache, in der Sprache, in der sie sich normal ausdrücken, erzählen.

Genau und vielleicht magst Du an der Stelle einfach mal 3 Takte über das Arabische sagen, denn vielleicht, das wissen wahrscheinlich auch viele nicht. Es ist zwar eine Sprache, aber Du hast ja schon angesprochen, das sind sehr unterschiedliche Dialekte. Wie kann man sich das vorstellen, wenn man das nicht kennt? Wie stark unterscheidet sich tatsächlich, keine Ahnung, das Ägyptische vom Syrischen Arabisch?

Es gibt verschiedene Dialekträume. Natürlich sind die Dialekte ein Kontinuum, genauso wie wir alle vielleicht wissen, dass das Schwäbische näher an dem Schweizerdeutschen ist als das Hessische und solche Dinge. Man kann da auch beliebig Unterscheidungen im Detail treffen. Die großen Dialekträume sind aber der Maghreb (Nordafrika), das ist so also was, wo ich auch mich wahnsinnig schwer damit tue, was zu verstehen. Ägypten und Syrien, Palästina, so ist so ein Raum mit wo es relativ viele Ähnlichkeiten gibt. Und dann haben wir noch natürlich so die arabische Halbinsel und den Golf. Und die Hochsprache wird vor allem als Schriftsprache benutzt. Das sind schon fast, kann man sagen, unterschiedliche Sprachen, die Hochsprache und der jeweilige Dialekt. Aber wenn man sich unter Intellektuellen unterhält, die natürlich viel lesen und das, was sie lesen, auch wieder zum Ausdruck bringen, gibt es dann so eine Zwischenform, die man in der Sprachwissenschaft dann den „Intellektuellendialekt“ nennt, wo das dann wieder gemischt wird. Was mir persönlich dann auch entgegenkommt, denn da ich ja an der Universität eben erst mal die Hochsprache gelernt habe, Texte gelesen und natürlich auch nach wie vor journalistische Artikel und Bücher lese, dann kann ich also die Formulierung, die man da findet, kann man schon auch in ’nem Dialekt wieder einbauen auf so einem mittleren Sprachniveau.

Ja, danke für diese Einschätzung. Also wie gesagt, [die arabische Welt] ist ein Raum, den viele Leute nicht besonders gut kennen und trotzdem eine Vorstellung davon haben Und genau deswegen sprechen wir ja heute miteinander. Was sind denn so die üblichen Missverständnisse, Vorurteile, die Dir so begegnen in Deutschland, wenn wenn über den arabischen Raum die Araber, den Islam so ganz pauschal gesprochen wird?

Wenn’s um den Islam geht, dann ist natürlich, was mich hauptsächlich stört als Sozialwissenschaftler, dass häufig der Islam als etwas Unwandelbares, als eine Art Essenz behandelt wird. Diese „der Islam sagt dies und das“ und man nimmt den Islam als etwas wahr, was letztendlich nicht wandelbar ist, nicht historischen Transformationen unterliegt, Schon aufgrund des beruflichen Interesses sehe ich als Sozialwissenschaftler den Islam aber als ein gesellschaftliches Phänomen wie alle anderen auch. Also Religion wird gesellschaftlich geprägt, verändert sich ständig. Wenn wir heute mit bestimmten Formen des Islams konfrontiert sind, dann muss es dafür auch eine gesellschaftliche Erklärung geben, nicht nur eine „im Koran steht dies oder jenes oder es war schon immer so“.

Genau, weil damit übernehmen viele Leute ja witzigerweise quasi fast die Erzählung der Fundamentalisten, die ja zumindest so argumentieren.

Ja. Wobei ich denke, wir haben in der Wissenschaft teilweise auch ein Problem. Natürlich haben wir die Tatsache, dass wir in muslimischen Ländern ganz unterschiedliche gesellschaftliche Milieus finden und auch ganz unterschiedliche Formen von Religion oder wie Menschen Religion ausleben. Ich finde, man darf das auch nicht vollkommen beliebig nebeneinanderstellen, oder sich das rauspicken, was einem persönlich sympathisch ist oder näherkommt. Ich denke, es ist eben wichtig, dass wir als Wissenschaftler da eine Bestandsaufnahme vornehmen, dass wir auch Aussagen dazu treffen können: Welche Formen sind dominant? Wie führt das auch wiederum zur Diskriminierung oder zur
Unterdrückung von anderen Lebensstilen? Also da bin ich jetzt nicht so sehr für die Schule zu sagen, Islam ist so vielfältig und fertig so. Es ist schon wichtig zu schauen: Wo sind dominante Tendenzen, wo gibt’s Problemlagen? Wissenschaft muss problemorientiert sein und kann sich nicht nur die die schönen Dinge raussuchen, um es mal so zu sagen.

Okay, aber wenn Du’s schon schon so direkt ansprichst, wie sieht das denn aus, ja? Also Du Du sagst ja jetzt, ne, also Ägypten, Libanon, das sind so deine deine Forschungsfelder. Wollen wir uns mal auf die beschränken, denn das ist, glaub ich, schon groß genug. Wie sieht so Alltagsreligiosität, Religion im Alltag aus? Wenn wir mal so typisch vergleichen, keine Ahnung, Kairo versus Beirut zum Beispiel.


Auf der rein individuellen Ebene haben wir ein breites Spektrum davon, wie wichtig Menschen Religion in ihrem Alltag ist. Grundsätzlich fällt uns aber in muslimischen Ländern auf – also in arabischen Ländern zumindest – dass Religion das Alltagsleben noch stärker prägt und das wird von vielen Menschen auch, zumindest was diese konventionelle Ebene sozusagen der oberflächlichen Konformität angeht, auch nicht bestritten. Also dass der Gebetsruf hörbar sein soll, auch wenn viele dann doch nicht beten gehen und oder das flexibel in ihren Tagesablauf integrieren. Dass man im Ramadan fastet, wird eben doch sehr stark eingehalten. In vielen Ländern ist es auch so, dass eben dann auch Restaurants schließen. Also es wird sozialer Druck ausgeübt und die meisten Menschen finden das auch irgendwie in Ordnung. Das ist, glaube ich, der wichtigste Unterschied, den wir wahrnehmen gegenüber europäischen Ländern, wo Religion sehr stark etwas von strikt persönlicher Wahl, privater Ausübung geworden ist. Und wenn sie in der Öffentlichkeit präsent ist, dann hat das die Form von Kultur und Folklore.

Ja, kann ich mir das dann ungefähr so vorstellen? Also ich selber bin ja in Bayern auf dem Land aufgewachsen. Und ich kenne das durchaus auch noch, dass es da
einen gewissen Konformitätsdruck gab, also zumindest so in den Neunzigern. Dass also zum Beispiel es einfach dazugehörte, dass an Freitag auf Restaurantkarte auf jeden Fall Fisch zu finden ist. Also die haben da nicht das Fleisch von der Karte genommen, aber dass es da am Freitag auch eine Fischoption gab, das war da zum Beispiel ja auch Gang und Gäbe und andere Bräuche. So dieses klassische, das macht man
nicht oder das gehört sich halt so, ja. Ist es ist es dieser Level von sozialem Druck oder ist das schon noch eine, wie soll ich sagen, eine Spur härter?

Ich denke, es kommt aufs soziale Milieu an, auf Familie und solche Zusammenhänge. Ich glaube, die Dinge, auf die wirklich Wert gelegt wird und wo wirklich starker  Konformitätsdruck da ist, ist also die Zahl der Dinge ist relativ gering. Also Frauen gehen ja zum Beispiel grundsätzlich traditionell eher nicht in Moscheen beten, dass es überhaupt sozusagen weibliche Räume gibt in Moscheen ist eher eine neuere Entwicklung. Das heißt, bei Frauen ist also die Ausübung der fünf täglichen Gebete überhaupt nicht sichtbar. Bei den Männern hingegen, beispielsweise am Arbeitsplatz in Ägypten kann man sich schon vorstellen, dass da, wenn alle beten gehen, dann entsteht natürlich ein gewisser Druck. Es kommt ganz auf das gesellschaftliche Umfeld an.

Es gibt aber, was glaube ich wichtig ist, es gibt den sozusagen im Mainstream arabischer Gesellschaften so die Vorstellung von so einem gewissen Korridor von akzeptierter Form von Religiosität und dass man bestimmte Sachen missachtet ist schlecht, aber zu viel ist auch schlecht. Zu viel Religiosität kann genauso zu Druck führen oder Formen der Religiosität, die aus staatlicher Sicht problematisch sind, nicht gewollt, werden dann genauso intolerant behandelt. Es gibt die Vorstellung, dass der brave Bürger, der, wie soll man sagen, gute Familienvater oder -mutter eben ein bestimmtes Maß an Religion einfach praktiziert, so das richtige Maß.

Okay und wie gesagt, ich ich find’s noch bisschen schwierig zu fassen. Also keine Ahnung, Alkoholverbot. Also bei uns denken viele Leute, gläubige Muslime sollten keinen Alkohol trinken. Es gibt ja Staaten, wo das auch explizit verboten ist. Ich glaub, Saudi-Arabien ist herrscht komplettes Alkoholverbot außer für Westler, wenn ich da richtig informiert bin. Ist das richtig?

Ja, nach meinem Stand ja. Es hat sich einiges verändert [in Saudi-Arabien] und ich bin nicht sehr bewandert in Saudi-Arabien. Aber ich glaube, was den Alkohol angeht, ja. Möglicherweise also ist es so, dass es in als privat betrachteten Räumen so was wie Luxushotels oder so konsumiert werden kann, bin ich aber nicht sicher. Aber also wie gesagt, das ist ja dann auch sehr striktes Beispiel.

Wie wie sieht’s denn jetzt zum Beispiel in Kairo aus? Also kann ich in Kairo, finde ich da Bars, wird da Alkohol ausgeschenkt, würde ein Durchschnittsjemand, der jetzt also so wie ich Bürojob, akademischer Abschluss Ägypter, würde der mit mir ins Restaurant gehen und Glas Wein trinken oder eher nicht? Wird das schräg angeschaut? Ist das akzeptabler Level an, ja, genau, wie wird damit umgegangen?

Alkohol trinken und Essen geht, das ist eher getrennt. Alkoholkonsum ist eher etwas, was nicht mit dem Essen verbunden ist, außer z.B. in Alexandra und im Libanon diese Tradition von Fischrestaurants verbunden mit Alkohol. Also dass man eigentlich mehr den Fisch als Träger für den Arrak oder Wein konsumiert, um dem eine gewisse Basis zu verleihen. Das ist zum Beispiel im Libanon ein ganz wichtiger sozusagen Teil der Kultur. Aber ein Ort, wo Alkohol ausgeschenkt wird, da geht man nicht hin mit seiner Frau und seinen Kindern so am Nachmittag. Das gilt zumindest für den muslimischen Mainstream. Dann gibt’s in Kairo auch Bars, wo lokales Bier ausgeschenkt wird, was sich auch normale Menschen leisten können, würde ich sagen. Aber es ist ganz stark so, dass der Alkoholkonsum, wie auch andere Aspekte von einem freiheitlicheren Lebensstil quasi in geschlossenen oder eher exklusiven Räumen stattfinden, deren Zugang vor allem etwas  Geld erfordert und die häufig einen entweder ausländischen oder kosmopolitischen Charakter haben, also ausländische Kulturinstitute und Clubs, Hotels und so weiter. Viele Hotels haben Bars, in denen Alkohol ausgeschenkt wird, da gehen natürlich auch normale Menschen hin, die nicht in dem Hotel wohnen, also das ist ganz normal, aber das ist natürlich dann entsprechend einfach teuer.

Das heißt, so für den großen Teil der Bevölkerung, also den ärmeren Teil der Bevölkerung ist so was schwer zugänglich. Auch zum Beispiel in Verbindung mit Strandurlaub ist das so. Es ist üblich, dass in Strandklubs Alkohol ausgeschenkt wird. Da gibt’s auch Abstufungen, aber auch da sind die Hürden relativ hoch, überhaupt erst mal reinzukommen. Das heißt, es hat relativ viel mit sozialem Status und Wohlstand zu tun, ob man zu so einem Lebensstil Zugang hat. Gerade im ägyptischen Beispiel, aber auch im Libanon ganz stark. Also mit dem nötigen Geld gibt es überhaupt kein Problem, so etwas zu genießen, aber für viele Leute ist das erst gar nicht zugänglich.

Und ist das dann, soll ich mal sagen, identitätsstiftend? Also oft gibt’s ja dann son Ding: Dinge, die man sich nicht leisten kann, die lehnt man dann ja vielleicht auch ab und sagt, na, das will ich ja gar nicht, ja. Also ich als, keine Ahnung, guter gläubiger Mensch, ich will diesen ekelhaften Alkohol ja gar nicht. Also gibt’s dann solche Effekte? Ist dir so was bekannt, dass man da draus dann quasi auch eine Identität konstruiert oder ist das dann eher so, dass das was ist, was man sich schon gerne leisten wollen oder können würde?

Sicherlich individuell unterschiedlich, aber natürlich gibt’s das. Also diese Vorstellung von den verkommenen Eliten, also Versionen davon gibt’s ja auch in westlichen Gesellschaften, aber selbstverständlich gibt’s auch eine muslimische, konservative Version davon, die dann eben sagt: Ja, in unseren Gesellschaften gibt’s eben diese liberale Oberschicht, die ein ja irgendwie doch etwas verlottertes Sittenleben führt und in Nachtklubs geht und Alkohol trinkt. Und wir machen das natürlich selbstverständlich nicht, weil wir anständige Menschen und disziplinierte Muslime sind, weil wir uns von Suchtmitteln fernhalten und dergleichen. Es gibt aber natürlich irgendwie auch in konservativen Milieus die Vorstellung, dass gerade junge Männer halt schon auch mal sich die Hörner abstoßen müssen und auch alles mal probieren müssen. Also das unter Männern weniger mit Stigma behaftet und das sehen wir ja zum Beispiel auch in sehr konservativen, migrantischen Milieus in Deutschland, dass junge Männer sich mal „danebenbenehmen“ und Alkohol trinken. Das ist nicht etwas, was den den konservativen Lebensstil oder die konservative Werthaltung grundsätzlich infrage stellt, das ist sozusagen mit eingepreist. Der Druck lastet dann eher auf den Frauen, die beschützt werden müssen, auf gar keinen Fall unbeschützt in diese feindliche Außenwelt raus dürfen.
Aber Männer können da alles Mögliche ausprobieren und das findet man in muslimischen Gesellschaften natürlich auch.

Das heißt also genau, das wird, wie Du sagtest, mit eingepreist, mit eingebaut ins Gedankengebäude. Sehen wir dort auch starken Unterschied vielleicht zwischen Stadt und Land? Gibt es da merkliche Unterschiede in den Milieus?

Große Unterschiede, sicherlich viel größer als es mittlerweile in westlichen Gesellschaften ist. Wir alle kennen vielleicht noch die Erzählung von unseren Eltern oder Onkels und Tanten oder der Großelterngeneration, wie es früher auf dem Land so war und stellen dann fest, dass heute vieles von dem einfach verschwunden ist und in den meisten nahöstlichen Ländern existieren schon noch diese großen ökonomischen und auch kulturellen Gegensätze zwischen Stadt und Land, also auch einfach riesige Wohlstandsunterschiede. Das Land ist allgemein
einfach ein Ort der Armut und der Unterentwicklung, wo der Zugang zu all dem, was Menschen in modernen Gesellschaften weltweit für erstrebenswert halten – Konsum, Zugang zu Bildung, etcetera – wo das alles einfach recht prekär ist. Das ist für politische und auch kulturelle Konflikte in den Ländern der Region noch wichtig zu sehen. Es auch stärkeres Bevölkerungswachstum dem Land. Auch hier sehen wir die gleiche Entwicklung wie in westlichen Gesellschaften, einen demografischen Übergang: Je wohlhabender, je gebildeter Menschen sind und je städtischer desto weniger Kinder bekommen sie. Aber das hat noch eine ganz andere Dynamik in einem Land wie Ägypten, wo zwar die städtische Mittelschicht auch schon teilweise einen Stand erreicht hat oder schon länger hat, wie in europäischen Gesellschaften, aber die Landbevölkerung noch stärker wächst, obwohl jetzt auch abnehmend. Aber für die letzten Jahrzehnte waren das immer wichtiger Aspekt.

Okay, verstanden. Und was heißt das jetzt für die Alltagsfrömmigkeit, wenn das also aufm Land, das nehm ich mal an, wird das dann auch stärker gelebt? Was heißt das? Wie kann ich mir das vorstellen? Was ist also wie gesagt, ich kann immer nicht anders, als es mit der mit der Kirche quasi zu vergleichen und ich glaub, das ist ganz gefährlicher Reflex, den man da hat, weil er einen wahrscheinlich leicht in die Irre führt. Also die Moschee als Zentrum, wie kann ich mir das vorstellen? Ist das ist ’n sozialer Raum? Ist das rein frommer Raum? Wird dort auch Politik gemacht? Also ne, das Beten von der Kanzel kennt man ja bei uns. Also zumindest ich kenn das noch, dass da durchaus auch Lokalpolitik von der von der Kirche mit betrieben wurde.

Ja, ich glaube, der allerwichtigste Aspekt, der auch in der Islamwissenschaft manchmal zu kurz kommt, ist ja die Frage, welche Art von sozialer Raum ist eigentlich die Moschee?
Dass diese Frage sozialwissenschaftlich relativ wenig untersucht wird, hat auch natürlich damit zu tun, dass wir in vielen muslimischen Ländern eben autoritäre Staaten haben, dass die Moscheen sensibler Raum ist und dass es irgendwie vielen als keine so gute Idee erscheint, dass man da jetzt als ausländischer Forscher da so Feldforschung betreibt, also man würde da wahrscheinlich relativ schnell auf Aufmerksamkeit erregen und kann damit rechnen, dass so was unterbunden würde.
Das heißt, es gibt relativ wenig Verständnis dafür. Ich würde sagen, was mich überrascht hat, man hat ja doch vielleicht das Vorverständnis, dass eine Moschee so ähnlich funktioniert wie eine Kirchengemeinde. Also dass es eben ein religiöser Ort ist im Kern, aber wo so ein soziales Leben darum stattfindet. Vor allem natürlich auch so was wie Jugendarbeit, ja, also so Angebote für Familien, also die, wo Eltern eben hingehen mit ihren Kindern, weil sie
möchten, dass ihre Kinder in einem bestimmten Umfeld groß werden und da eben rein sozialisiert werden. Während das punktuell vorkommt, scheint es mir so, dass die meisten Moscheen in arabischen Ländern viel, viel weniger anbieten als das. Dass es geradezu die Politik der Staaten war und ist, die religiöse Grundversorgung auf so ein Minimum zu reduzieren. Es gibt zum Beispiel manchmal Regelungen, dass die Moscheen nur zu den Gebetszeiten öffnen dürfen. Das Freitagsgebet ist natürlich wichtig, da gibt’s auch eine Predigt, dann versuchen Staaten häufig, diese Predigt zu kontrollieren, die Inhalte der Predigt vorzugeben. Ja, und das war‘s dann! Dann noch vielleicht sowas wie Spenden sammeln im Ramadan, Almosen und sowas.

Es gibt natürlich dann auch so was wie Nachbarschaftsinitiativen, um der eigenen Moschee mehr Leben zu geben, weil natürlich Menschen, denen das wichtig ist, ein Interesse daran haben, die Moschee mit Leben zu füllen. Sie wollen da was Sinnvolles tun, wollen da vielleicht religiöse Kurse besuchen, wollen, dass ihre Kinder da aufgehoben sind. Das Muster ist, je wohlhabender das Stadtviertel, desto mehr ist die Gemeinde aktiv. Die Menschen haben Ressourcen und nehmen das selbst in die Hand. Das ist dann häufig wieder so ein Wechselspiel mit den Staaten, die misstrauisch sind gegenüber zu viel eigenständiger Initiative der Bürger und dann ab einem bestimmten Punkt auch das wieder kontrollieren wollen. Und deswegen, ja, denke ich, leistet eben die durchschnittliche Moschee viel, viel weniger als die Kirchengemeinde in unserem Kontext.

Okay, und dann sind wir ja schon mitten im Thema Religionspolitik. Also wie unterscheidet sich ganz grundsätzlich das Verhältnis von Religion, Staat, Gesellschaft jetzt zwischen diesen beiden Ländern, Ägypten und dem Libanon?

Der Libanon ist im arabischen Kontext ein Sonderfall, weil es ein multireligiöser Staat ist und weil der sunnitische Islam und die sunnitischen Muslime da nicht die größte, sozusagen staatstragende Religionsgruppe sind. In den meisten anderen arabischen Ländern sind die sunnitischen Muslime nicht nur die Bevölkerungsmehrheit, sondern es gibt auch noch das tradierte Verständnis, dass sie quasi das Staatsvolk sind. Also dass der Staat zumindest eine Weiterentwicklung ist von einem sunnitisch islamischen Staatswesen. Für weite Teile des Nahen Ostens war das das Osmanische Reich, ein Staatswesen, das auch schon vor der Kolonialzeit existiert hat und [ein gewisses rechtliches und gesellschaftliches Erbe hinterlassen hat]. Also das ist wichtig für Ägypten. Der Libanon ist eine Ausnahme, weil Libanon von den Franzosen als Staat in erster Linie für die christlichen Maroniten gegründet wurde, also die katholische christliche Gemeinschaft. Er wurde dann so konstruiert, dass es quasi eine Koalition ist aus unterschiedlichen Religionsgruppen ist. Das heißt, hier haben wir nicht einen Staat, in dem der sunnitische Islam quasi die Staatsreligion ist.

Genau, aber das hast Du ja gerade gesagt, sieht dann in Ägypten anders aus. Also wie ist aktuell die religionspolitische Lage in Ägypten?

Es gibt in Ägypten schon seit Jahrzehnten im Grunde eine Art Konkurrenz oder Auseinandersetzung zwischen einerseits der politischen Opposition, die sehr stark eben auch von islamistischen Kräften dominiert wird und dem Regime, das versucht, diese Herausforderung irgendwie abzuwehren. Also das wir haben letztendlich eine Art autoritären Staat. Der versucht natürlich, politische Partizipation einzuschränken und selbst an der Macht zu bleiben. In dem Zusammenhang betreibt er eben auch Religionspolitik mit dem Ziel, dass Religion nicht zu einem Vehikel von politischer Opposition werden soll. Und das kennzeichnende in Ägypten ist, dass der Staat das über Jahrzehnte mit allen möglichen
Mitteln versucht, mit repressiven Mitteln, auch mit Mitteln der Einflussnahme, dass es aber kontinuierlich nicht funktioniert hat. Seit dem Arabischen Frühling und diesem kurzen Zwischenspiel, wo die Muslimbruderschaft an der Macht war und dann vom Militär entmachtet wurde, sehen wir aktuell einen erneuten Versuch des Staates, die Religion sozusagen neutralisieren, als Feld, auf dem sich politische Opposition formieren kann. Bis jetzt scheint es einigermaßen erfolgreich zu sein. Es hat auch dazu geführt, dass staatsnahe religiöse Institutionen gestärkt wurden. Das heißt, das Gegenmittel gegen islamistische Opposition ist für arabische Staaten in der Regel nicht so was wie ein liberaler Islam, sondern es ist ein konservativer Islam, der aber staatstreu ist und möglichst unpolitisch. Das versucht man durchzusetzen dadurch, dass ein bestimmter Diskursrahmen vorgegeben wird, dass bestimmte religiöse Bewegungen ganz massiv bekämpft werden.
Die Muslimbruderschaft wurde teilweise ins Exil getrieben, in Ägypten sitzen sie zu Tausenden in den Gefängnissen. Auch der Salafismus wurde relativ stark eingeschränkt. Die Salafisten können zum Beispiel keine Fernsehprogramme mehr unterhalten, was sie früher erfolgreich getan haben. Sie haben zwar ihre Moscheen noch, sind aber sehr viel weniger präsent. Das sind der Stand der Dinge. Und die Frage, die sich natürlich wir als Beobachter immer stellen, ist so, wie kann das funktionieren? Wie soll man so was bewerten? Ist das was, was irgendwie auf Dauer funktionieren kann? Manche glauben, dass diese Politik eher die die Ursache für erneute Probleme ist und dass die Unterdrückung des politischen Islams ihn dann in der nächsten Runde nur noch stärker macht. Das sind die Fragen, die wir in dem Zusammenhang vor allem diskutieren.

Genau, das das ist ja spannend. Also das Establishment, sowas wie die Al-Azhar Universität –sind das dann die Vehikel, die der Staat da nutzt oder wie ist die Rolle dieser Institution?

Ja, genau. In Ägypten gibt es verschiedene Institutionen des Staatsislams. Das ist auch noch mal eine Wissenschaft an sich zu verstehen, welche Institution welche Rolle hat. Es gibt ein Ministerium für religiöse Angelegenheiten, das hauptsächlich die Moscheen verwaltet. Das gilt sozusagen als direkter Arm des Staates und die Azhar-Institution, die so etwas wie eine Bildungsinstitution, Universität und Akademie ist, gilt als ein auch staatlich kontrollierter, aber etwas unabhängigerer Akteur. Und da gibt’s dann auch wieder Konkurrenzkämpfe. Also wenn jetzt der Präsident bestimmte Dinge durchsetzen möchte, dann kann er das einerseits versuchen, direkt quasi auf dem Dienstweg seinem Minister zu sagen, wenn es beispielsweise darum geht, dass man sagt, okay, wir wollen jetzt eine einheitliche Predigt in den Moscheen. Wurde auch schon mehrmals versucht. Dann ist aber natürlich das Moscheepersonal, die Prediger sind dann wieder an der al-Azhar ausgebildet und die schon eine gewisse Berufsehre, dass die sagen, also wir haben jetzt nicht hier 6 Semester Koranauslegung und islamisches Recht studiert, damit uns danach nicht mal zugetraut wird, selbst eine Predigt zu formulieren. Oder also da gibt’s auch in diesem ganzen autoritären Kontext immer noch Handlungsspielräume und nicht, dass der Staat einfach diktieren kann, was passieren soll.
Das sind so die wichtigsten Akteure, aber ganz wichtig im ägyptischen Kontext ist, dass dieser staatliche Sektor genauso unterfinanziert  ist wie der ägyptische Staat als Ganzes. Also Ägypten ist gehört einfach im globalen Maßstab zu den eher ärmeren Ländern, vor allem mit einem Staat, der erhebliche Probleme hat, ganz viele grundsätzliche Dinge, die moderne Staaten eigentlich so leisten sollen, zu erfüllen. Und im religiösen Sektor ist das genauso. Das heißt, sie können beispielsweise nicht alle Moscheen mit Imamen ausstatten. Imame verdienen so wenig Geld, dass viele also erst gar nicht den Dienst antreten oder mit wenig Enthusiasmus oder weil sie noch zwei Jobs daneben haben. Es soll sogar vorkommen, dass die lokale Gemeinde sagt: „Weißt Du was, wir geben dir noch mal Geld auf die Hand, komm einfach nicht und wir bestellen unseren eigenen Prediger, der wenigstens motiviert ist.“ Also solche Dinge hört man. Das heißt, man hat ein System der Unterversorgung, also dass zwar von staatlicher Seite immer ganz viele Ziele formuliert wird, wie man jetzt die religiösen Alltagsformen kontrollieren will, dass aber immer die Mittel fehlen, das umzusetzen.

Okay, also ist der Imam dann auch gar nicht unbedingt eine Respektsperson, oder zumindest diese staatlichen Imame nicht? Weil so wie gesagt, der Herr Pfarrer, der hatte ja früher aufm Land bei uns hier eine ganz ordentliche Stellung.

Das ist tatsächlich, würde ich sagen, im Islam anders Es fängt schon mit dieser ganz grundsätzlichen Vorstellung an, dass der der Priester im Christentum eben so etwas wie der Heilsmittler ist. Der also über das Abendmahl und dergleichen quasi das von der von der Kirche vermittelte Heil an die Gläubigen weitergibt. Das ist nicht die Vorstellung, die man im Islam vom Imam hat. Der ist lediglich eine Person, die notwendig ist, ein Gebet durchzuführen. Einer muss eben vorne stehen und der Vorbeter sein. Der ist nicht die Pforte, der Türsteher zum Heil aus muslimischer Sicht. Und dazu kommt auch noch, dass das Gehaltsniveau von Imamen in den meisten Ländern der Region, so niedrig ist, das ist kein prestigeträchtiger Job. Es gilt nicht als anstrebenswerter Beruf, weil man da nicht nicht viel Geld verdienen kann. Gerade der Staat zahlt schlecht und das schadet natürlich auch dem Ansehen des Berufs.

Okay, verstanden! Und wie geht jetzt die Jugend damit um? **** Du hast also hattest ja schon den arabischen Frühling kurz angesprochen, Das ist ja jetzt inzwischen auch schon wieder, oh Gott, wie lang ist denn das jetzt her? 20 11 oder so war das, ne? Muss gestehen, Bildungslücke. Ja. Das war ja Aufstand der Jugend. Also wie hat sich das jetzt jetzt weiter weiterentwickelt? Ist die die Jugend auf eher Fundament, also klar, es gibt immer alles, ja,
aber so so als Großströmung tendiert die eher zur Religion oder wendet die sich von der Religion eher ab oder gibt’s da auch wieder Unterschied zwischen Stadt und Land oder gibt’s da irgendwelche Trends, die man beobachten kann?

Es ist tatsächlich auch eine offene Frage, die in der Wissenschaft auch diskutiert wird. Manchmal es wurden auch in den letzten Jahren schon unterschiedliche Trends ausgerufen. Ich bin da sehr vorsichtig, also ich glaub, dass grundsätzlich Religion
noch sehr relevant ist und bleibt. Es gibt auf jeden Fall einen einen Sektor der Jugend, so die würde ich sagen, der die gebildetsten Teil. Da findet man auch nicht unbedingt ausgelöst, aber verstärkt durch den Arabischen Frühling. Dann sonen schon sehr starke Tendenzen zur Individualisierung von Religion in so mit allen Facetten, also hin zu Atheismus, Agnostizismus oder dergleichen, hin zu eigenen Zugängen zu Islam, die keiner
konventionellen Form so wirklich entsprechen. Auch Interesse für andere religiöse Traditionen, also zum Beispiel Buddhismus, Esoterik. Das würde ich sagen, ist aber mehr oder weniger eine Sache der oberen Mittelschichten oder oberstädtischen Oberschichten. Also wenn Du zum Beispiel in in Kairo in ’nem, sagen wir mal, sehr bürgerlichen Viertel in eine Buchhandlung gehst, wirst Du da eine recht ordentliche Esoterikabteilung finden und unsere Religionskunde und denken, aha, so, also das scheint das scheint sich hier
so zu verkaufen. Das ist schon interessant. Für die breite Bevölkerung, glaube ich, aber eher weniger relevant. Also da ist bleibt erst mal Religion schon noch zentral. Ob diese politisierte Form, also Islamismus noch mal so zurückkommen kann wie wie in den Zweitausender Jahren, weiß ich nicht. Generell, man könnte vermuten, es gibt, also in der arabischen Welt redet man auch viel von der Generation Z und deren angeblichen Neigungen und Vorlieben.
Natürlich hat man so globale Tendenzen von, dass junge Leute ganz sehr stark in so eine natürlich so eine Konsumwelt reingezogen werden, sozialen Medien, mit Tendenz dazu natürlich schon irgendwie auch zu mehr Individualismus. Das muss sich aber natürlich auch irgendwie gesellschaftlichen Rahmen finden, wo sich das äußern kann. Also zu sagen, ich denke, man hat es ja in westlichen Gesellschaften auch irgendwie vor allem dann in der Nachkriegszeit erlebt, diese Explosion von individualisierten Lebensentwürfen,
was ganz stark mit mit Wohlstand zu tun hatte, mit gesichertem Wohlstand und und so was. Und so was fehlt natürlich in der arabischen Welt. Also viele Mensch, junge Leute können da nicht einfach sagen, ich ich studier jetzt und dann krieg ich meinen eigenen Job und dann mach ich mein eigenes Ding, weil der das gibt der Arbeitsmarkt, es gibt die Gesellschaft nicht her.
Sie sind eben bleiben irgendwie abhängig von ihren von ihren Eltern, von ihrem sozialen Milieu, teilweise auch von ihren religiösen Stunk. Und das gilt zum Beispiel auch für für Christen oder oder Angehörige anderer Religionsgruppen in der Region. Ja, dass man auf diese Solidaritätsnetzwerke irgendwie angewiesen ist und das, was auch immer man so denkt oder irgendwie interessant findet, aber irgendwann muss man es muss ja irgendwie, dass das gelebten Ausdruck findet, ist noch mal
’n Schritt, der der andere Voraussetzungen hat. Und die sehe ich in in in arabischen Ländern für die meisten Leute halt nicht so bis jetzt.

Okay, das ist auch, glaube ich, ganz, ganz wichtiger Punkt, den den man so vielleicht oft nicht aufm Schirm hat. Bei uns wird ja viel davon geredet, dass es ja diese Internetprediger gibt und die dazu tendieren, besonders radikal oder traditionell oder durchgeknallt oder was
auch immer zu sein. Ist ist das auch ’n Trend, der da der dort auch zu beobachten ist oder ist das eher was quasi, was wir unter westlichen Muslimen sehen, diese TikTok Prediger oder wie man immer so schön sagt.

Das gibt es auch in sämtlichen Schattierungen, aber auch in arabischen Ländern. Da gibt es eben auch natürlich im Internet viele Islamisten, die in den Mainstream Medien
eben sie nicht mehr äußern können. Die finden da die bespielen das Internet natürlich sehr stark, teilweise aus dem Exil. Zum Beispiel in Istanbul gibt es da so ganz ich habe bei meinen Forschungen dann einige kennengelernt, da sieht man wieder, wie die Netzwerke sind, wie die Leute sich gegenseitig dann irgendwie helfen. Und das sind schon Leute, die so was wie Follower Zahlen in den sechsstelligen Bereich oder so erzielen mit natürlich teilweise politischer Analyse, teilweise religiöser Unterweisung, alles Mögliche. In arabischen Ländern ist also das Internet ist es gibt auch Atheisten im Internet, es gibt Beispiel also es gibt da jetzt nicht nur Dinge, die sozusagen in die religiös konservative Richtung von der gesellschaftlichen Norm abweichen. Es gibt zum Beispiel auch einen sehr erfolgreichen Sci-Pop Act aus Ägypten, al-Dahih heißt der (https://www.youtube.com/playlist?list=PLRCzrSHS5u_HQuXr15gOMCIK-E-57A5vd ). Der wird finanziert hauptsächlich von den großen Medienanstalten in den Golfstaaten und er macht so eine Art Wissenschaftssendung, die nicht wirklich religionskritisch, aber sehr dezidiert religionsfern ist. Also es wird nie irgendwie erwähnt, was die Religion zu einem Thema sagt. Die ganz großen Tabuthemen, vielleicht sowas wie Homosexualität lässt er aus, aber er diskutiert auch philosophische Dinge, alle möglichen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Also die Fundamentalisten finden den ganz, ganz schlimm, dass der Atheist ist und so. Die sind auch nicht jetzt begeistert von vom Potenzial des Internets und machen sich Sorgen, dass da die jungen Leute eben, die sich Wissen aneignen wollen, dann an diesen Menschen geraten, der ihnen dann quasi da implizit ein atheistisches Weltbild einflößt. Also so was gibt’s auch. Also ich glaube, das Internet ist da einfach eine grundsätzlich eine Spielwiese für alle, aber insbesondere natürlich für die, die die attraktiv die gesellschaftlichen Mainstream
Bereichen halt nicht so zum Zug kommen.

Okay, und Du hast ja grade Homosexualität angesprochen. Also sind das nach wie vor die großen Tabuthemen in diesen Gesellschaften? Alles, was irgendwie mit Sex, Sexualität zusammenhängt und dann vielleicht auch noch mit ja, eben so was wie Homosexualität. Sind das tatsächlich noch die großen Tabuthemen oder bricht das Internet auch das einfach auf, weil man ja heutzutage per Mausklick quasi an alles kommt?


Sexualität an sich ist nicht so ein großes Tabuthema. Also das kann, es gibt durchaus auch so was wie Sexualberatungssendungen im Fernsehen. Aber die Haltung zur Homosexualität ist in arabischen Ländern unter den allermeisten Leuten außer den ganz dezidiert liberal kosmopolitisch orientierten, ganz klar von einer Art Kulturkampfvorstellung geprägt. Also so wie auch jetzt konservative Christen in USA sagen: „Die woke Elite, möchte uns diesen Lebensstil aufzwingen, aber wir wehren uns dagegen, müssen unsere Kinder davor schützen!“ und so weiter. Das wird natürlich dann auch in arabischen Ländern alles in einen Topf geworfen, ob Queer und LGBT und Genderideologie, wie es auch im deutschen Kontext, so im rechtspopulistischen Kontext gesagt wird: „Der deutsche Staat will unseren Kindern die Genderideologie indoktrinieren.“ Im arabischen Kontext sagen dann sagen die Konservativen dann, „die internationalen Organisationen wollen uns mit solchen unscheinbaren Frauenförderprogrammen oder so ihre Genderideologie aufzwingen.“

Ist dann auch der Westen da auch ein Feindbild, das einem begegnet, so wie im Westen einem der Islam ja manchmal als Feindbild präsentiert wird? Also ergänzen die sich da quasi in der oder sind die da komplementär zueinander?

Es ist anders, weil ich glaube, dass auch bei Konservativen in der arabischen Welt die Sichtweise auf den Westen unglaublich ambivalent ist. Also es gibt die Dinge, die man als bedrohlich empfindet und ablehnt, aber es gibt trotz dessen einfach die Bewunderung für technologischen Fortschritt und Wohlstand oder eine ständige Beschäftigung damit. Wie könnte man das auch erreichen, auch bestimmte politische Freiheiten, die es eben nicht gibt in arabischen Ländern? Und dann ist natürlich der Westen auch der naheliegendste erstmal Raum für Migration, gerade für die eher gebildeteren Bevölkerungsschichten. Für die ärmeren Bevölkerungsschichten bedeutet Migration, als Hilfsarbeiter in den Golfstaaten zu arbeiten und Geld zu sparen. Für die Studierenden der Mittelschicht ist natürlich Europa oder der Westen eigentlich die Weltregion, wo man sich am ehesten Chancen erhofft und auch schon deswegen ist die Sicht nicht rein negativ, sehr ambivalent. Das geht bis tief in islamistische Milieus hinein, dass sie also sich stellenweise sehr positiv über europäische westliche Gesellschaften äußern, aber auch genauso mit diesen ganz stark negativen Vorurteilen,  Misstrauen, und auch natürlich wieder die Tendenz, eigene Probleme dann mit dem Imperialismus oder so zu erklären, so was findet man natürlich auch sehr stark.
Im politischen Bereich hängt das davon ab was aktuell passiert,. Wwahrscheinlich würde man heute jetzt aktuell wieder sehr viel mehr anti-westliche Haltungen finden, vor allem motiviert durch Gaza-Krieg, amerikanischen Angriff auf Iran und dergleichen. Kulturell ist das aber immer recht ambivalent.

Okay, spannend. Vielen Dank für diesen kurzen Einblick. Gibt es noch irgendwas, was dir am Herzen liegt, was wir jetzt noch gar nicht angesprochen haben?

Ein Aspekt, den ich noch einmal erwähnen wollte, das ist interessant, wenn man jetzt Libanon mit Ägypten vergleicht. Es schwingt ja auch immer so, wenn man sich über Islamismus unterhält, die Frage mit: Kann man dieses Problem nur eindämmen, wenn der Staat eine aktive Rolle spielt, möglicherweise auch eine repressive Rolle. Und Libanon ist ein ganz interessantes Beispiel, wo der Staat eigentlich relativ schwach ist, also überhaupt nicht in der Lage ist, wie
der ägyptische Staat eben so politische Bewegungen zu unterdrücken. Trotzdem ist unter den Sunniten im Libanon der Islamismus sehr viel weniger einflussreich. Das beschäftigt mich auch selber, aber warum ist das der Fall? Und eine Erklärung ist eben, dass doch eben eine, wie soll man sagen, auch eine tatsächlich, wenn man innerhalb der muslimischen Zivilgesellschaft so etwas wie Selbstorganisation auch zulässt oder so Vereinswesen, dass das in gewisser Weise auch den Erfolg zu islamistischer Bewegung
auch einhegt, weil die Konkurrenz dann einfach stärker ist. Also man sieht im Libanon ganz deutlich, dass das Grunde das muslimische Bürgertum der großen Städte sich nicht für diese extremeren Formen des Islams interessiert. Im Zweifel, wenn sie religiös interessiert sind, sie eigene Moscheevereine, die so etwas wie ein aktives Moscheeleben aufbauen. Da kümmert sich natürlich auch der Staat nicht darum. Aber die Islamisten haben da viel größere Probleme sozusagen in die Mitte der Gesellschaft
zu dominieren. Also sie sind überall irgendwie in der Mitte der Gesellschaft präsent, aber in manchen Ländern hat man den Eindruck, sie dominieren die fast. Libanon ist das nicht der Fall. Ich glaube, da kann man wiederum ganz gut sehen, dass Islam auch von der Gesellschaft geprägt wird. Es ist nicht ganz einfach, genau zu sagen, welche Form von staatlichem Umgang hat welche Folgen. Es spielen da sehr viele Faktoren
rein, sollte aber nicht vorschnell das glauben, was arabische Staaten von sich selbst sagen oder wie sie die Religion verwalten. Es ist in vielen relativ kurzsichtig, sehr häufig so von so einem Sicherheitsdenken geprägt. Es ist wichtig, das kritisch zu betrachten. Nichtsdestotrotz aber ist, glaube ich, wichtig, dass man sich in Deutschland mit diesem Thema grundsätzlich auseinandersetzt. Der Staat hat eine Rolle. Man tendiert ja auch vorschnell häufig zu sagen, es
gibt eben Religionsfreiheit und der Staat soll sich da nicht einmischen. Das ist ja auch in Deutschland mitnichten der Fall, sondern der Staat hat in Deutschland ja auch sehr stark geprägt, welche Form von religiösen Institutionen sich entwickelt haben. Darüber muss man sich auch, was den Islam angeht, Gedanken machen und natürlich da auch schauen, wie das in muslimischen Ländern der Fall ist, ohne dass man vielleicht die Modelle
dann dir übertragen könnte. Ja, vielen Dank. Vielen Dank für deine Zeit. Gerne. Hier endet eine weitere Episode von Vorpolitisch, dem Podcast rund Gesellschaft, Philosophie und Sozialem. Vielen Dank für eure Zeit. Und wenn es euch gefallen hat, hört beim nächsten Mal wieder zu und vor allem teilt den Link zu diesem Kanal auf Facebook, Twitter und wo ihr sonst noch unterwegs seid. Warum nicht jetzt sofort?
Ich bin Sepp, macht’s gut und bis zum nächsten Mal.

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Hoffnung und Verzweiflung

Was die Verhaftung eines Dichters und konservativen Rebells über die politische Stimmung in der Arabischen Welt verrät

(Eine Version dieses Artikel erschien in Zenith, Winter 2025, S. 71-73.)

Im Dezember 2024 war Abdul-Rahman Yusuf voller Euphorie und Hoffnung. Aus dem Exil in Istanbul reiste der ägyptische Dichter und Aktivist über Beirut nach Damaskus. In der Umayyaden-Moschee angekommen, nahm er ein überschwängliches Statement für seine hunderttausenden Follower in den sozialen Medien auf:

Heute, am 26. Dezember 2024, feiern wir den Sturz des Tyrannen Assad. Das syrische Volk – ja, das gesamte arabische Volk – feiert und ist voller Zuversicht. […] Der Sieg ist nah – in Ägypten, in Tunesien, in Libyen, im Jemen und in allen Ländern Gottes, die sich gegen Unterdrückung und Tyrannei erhoben haben

Abdalrahman Yusuf in der Umayyaden-Moschee, 26.12.2024

Er setzte – nun eher grollend als hoffnungsfroh – fort:

Wir bitten Gott, dem syrischen Volk und seiner neuen Führung beizustehen, damit sie all den finsteren Herausforderungen standhalten, die von der ganzen Welt ersonnen werden – an vorderster Front unter den Intriganten und Verschwörern: die arabischen Schand-Regime und die arabischen Zionisten – die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Ägypten und andere. Und wir sagen ihnen: Ihr werdet nichts ausrichten können gegen die Flut des Wandels – jene Flut, deren zweite Welle am 7. Oktober 2023 in Gaza begann

Nicht zum ersten Mal verband Abdul-Rahman Yusuf hier die Wut und Verzweiflung über den zunehmend genozidalen Gaza-Krieg mit dem Aufruf zu revolutionären Umstürzen in der Region. Über Jahre hatte er die Annäherung zwischen Saudi-Arabien, den VAE und Israel mit beißender Polemik kommentiert und wortgewaltig die Sache des militanten palästinensischen Widerstands verteidigt – wie in dieser Ode auf den Hamas-Sprecher Abu Ubayda:

O Vermummter, hüte dich vor den bösen Herrschern / wenn sie dich grüßen, so sind sie doch nicht edel.
Sie standen als Löwen vor ihren Völkern / doch vor den Kolonialherren sind sie Sklaven.
Du siehst die Krallen ihres Verrats in unseren Rücken / und Gesichter, die keine Treue kennen.

Steh auf, o Vermummter, und tränke sie aus deinem Vernichtenden /
einem Becher, bei dem die Eingeweide zerreißen.

In Abu Dhabi, Riad und Kairo sah man nun offenbar eine günstige Gelegenheit gekommen, Yusuf unter Einsatz diplomatischer Druckmittel aus dem Verkehr zu ziehen. Unmittelbar nach seiner Abreise aus Damaskus am 28. Dezember wurde er an der libanesischen Grenze verhaftet und in Untersuchungshaft genommen; wenige Tage später beschloss das libanesische Kabinett seine Deportation in die Emirate. Zwar brach dieses Vorgehen libanesisches und internationales Recht, doch die Türkei, deren Staatsbürger Yusuf seit Mitte der 2010er-Jahre ist, blieb zumindest öffentlich untätig. Seitdem ist Yusuf in einem emiratischen Gefängnis verschwunden, ohne Anklage, Prozess oder rechtlichen Beistand.

Rückblende: Kairo, zwanzig Jahre zuvor. Im dritten Jahrzehnt seiner Herrschaft regt sich Widerstand gegen Präsident Hosni Mubarak und seinen Plan, Amt und Staat an seinen Sohn Gamal zu vererben. Mit Kifaya bildet sich 2003 eine breite Oppositionsbewegung, die schließlich etwas überraschend in die Revolution von 2011 mündet. Hier findet Abdul-Rahman Yusuf, ein lebensfroher, etwas dandyhafter Mittdreißiger auf der Suche nach einer Aufgabe, sein politisches Biotop.

Abul-Rahman Yusuf ist der Sohn eines berühmten Vaters, der auch mit der ägyptischen Demokratiebewegung sympathisiert: der Islamgelehrte Yusuf Al-Qaradawi (1926–2022). Dieser ist in den 2000er-Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Seine Auftritte als Fernsehmufti beim katarischen Sender Al-Jazeera haben ihn berühmt gemacht, gleichzeitig zieht er die Strippen in einem weltweiten Netzwerk islamischer Organisationen. Als intellektueller Kopf des Reformflügels der Muslimbruderschaft (Ikhwan) hat er den Islamisten den Demokratiegedanken erst nahegebracht. Er glaubt, dass die Muslimbrüder genug Überzeugungsarbeit im Volk geleistet haben, um sich bei freien Wahlen durchzusetzen. Warum also nicht mehr Volksherrschaft wagen?

Abdul-Rahmans Sprache hingegen ist nicht die des islamischen Rechts, sondern der Dichtung.

ِAbdalrahman Yusuf 2008 als aufstrebender Dichter (Quelle: al-Arabiya)

Seine frechen, furchtlosen Spottverse gegen Mubarak sorgen für Heiterkeit und elektrisieren vor allem junge Männer, die Ungerechtigkeit und Korruption im Land auch als persönliche Demütigung erleben. Ein bekanntes seiner Gedichte malt das Bild eines verlotterten Präsidentenhaushalts, in dem Mubarak gegenüber seiner Frau Suzanne nichts zu melden hat und die beiden Söhne von den Bauchtänzerinnen Lucy und Dina erzogen werden. Weiterhin mutmaßt das Gedicht, dass Suzanne Mubarak auch beim gesamten ägyptischen Volk die »Entfernung der Hoden« im Schilde führe.

Mubarak unternimmt gegen solche Angriffe unter der Gürtellinie – erstaunlicherweise nichts. Vielleicht möchte er den aufmüpfigen Dichter nicht durch Beachtung zu einem verfolgten Dissidenten aufwerten. Doch wie kommt es überhaupt, dass der Sohn eines konservativen Islamgelehrten durch vulgäre Protestdichtung auf sich aufmerksam macht? Von Bekannten der Familie wird Abdul-Rahman als schwieriger, impulsiver junger Mann beschrieben, der gegen das elterliche Milieu aufbegehrt. Mitte der 2000er-Jahre zieht er von Katar nach Ägypten und beginnt, im Eigenverlag erste Gedichtsammlungen zu veröffentlichen. Er tut dabei einiges, um seine künstlerische Identität von seiner privilegierten Familienherkunft zu trennen und sich in ein Sprachrohr des einfachen Ägypters zu verwandeln:

Ich möchte einen Gedichtband schreiben über die Anliegen des ägyptischen Bürgers, der im Zug verbrennt, auf der Fähre ertrinkt, dessen Würde auf Polizeiwachen verletzt wird.

Symbolträchtig verzichtet Abdul-Rahman Yusuf auf die Nennung des berühmten Familiennamens Al-Qaradawi und erklärt – zum Entsetzen seiner Familie – öffentlich seinen Verzicht auf den katarischen Pass. Schließlich geht er auch zur Muslimbruderschaft auf Distanz, der sein Vater trotz mancher Meinungsverschiedenheiten loyal verbunden bleibt.

Doch bei aller Reibung gibt es auch klare Gemeinsamkeiten zwischen Vater und Sohn. Gedanklich bleibt Abdul-Rahman Yusuf im islamisch-konservativen Kosmos verwurzelt: Seine Gedichte sind durchzogen von religiösem Pathos, spielen häufig auf den Koran, den Propheten und die großen Helden der islamischen Geschichte an. Auch die dichterische Rebellion gegen das Bestehende ist religiös motiviert:

Die Dichtung verkündet den Wandel / ein Volk preisend, das sich nie vor einem anderen als dem Gott des Universums niederwarf.

Sein politisches Credo »Freiheit vor der Scharia« versteht Abdul-Rahman Yusuf als konsequente Umsetzung der Botschaft des Vaters. Anders als dieser definiert er sich jedoch keinesfalls als Islamist, sondern – im Sinne der Kifaya-Bewegung – als »Liberaler«, der die unterschiedlichen Lebensstile der Ägypter respektiert. Man könnte von einer zentristischen politischen Identität sprechen, welche die Gemeinsamkeiten zwischen allen Ägyptern beschwört. Stets unterstützte Abdul-Rahman politische Figuren, die einigende Qualitäten hatten, wie den liberalen Nobelpreisträger Mohammed el-Baradei oder den Ex-Muslimbruder und Präsidentschaftskandidaten von 2012 Adel-Moneim Abul-Futuh.

Den emotionalen Kitt bildet in Abdul-Rahman Yusufs Gedichten dabei ein heroisch-tragischer Nationalismus; unablässig beklagen sie den Verlust von Ehre, Stolz und Tapferkeit, die politische Feigheit und kulturelle Korruption der Machthaber und Eliten. Während die Alten diese Zustände hingenommen haben, erhebt Abdul-Rahman Yusuf seine Stimme für die »neue Generation«, die aufbegehrt und Veränderungen einfordert.

Mit der Revolution von 2011 schien die Zeit dieser neuen Generation gekommen, Abdul-Rahman Yusuf erlebte den Höhepunkt seiner öffentlichen Karriere. Seinen politischen Grundeinstellungen blieb er – angesichts des scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs der Muslimbruderschaft an die Macht – bemerkenswert treu. Er kannte die Schwächen der Ikhwan und erfasste intuitiv, dass sie aufgrund ihrer rigiden Organisationshierarchie, ihrem kurzsichtigen Taktieren, und ihrem fehlenden Sinn für politische Stimmungen nicht in der Lage sein würden, die Revolution zu führen.

Im Sommer 2013 forderte eine breite Protestbewegung den Rücktritt des Muslimbrüder-Präsidenten Muhammad Mursi. Die ägyptische Gesellschaft spaltete sich rasant in Befürworter und Gegner der Muslimbruderschaft. Vater Qaradawi – im Zweifel stets loyal gegenüber den Ikhwan – veröffentlichte nach dem Putsch des Militärs gegen Mursi am 3. Juli eine Fatwa: Alle Ägypter seien zum Gehorsam gegenüber dem gewählten Präsidenten verpflichtet. Abdul-Rahman Yusuf verfasste eine scharfe Replik: Mursi habe durch diktatorische Tendenzen seine demokratische Legitimität gegenüber dem ägyptischen Volk verspielt. Das Militär handle lediglich in Umsetzung des Volkswillens:

Der Volkswille, der sich am 30. Juni erhob, ist nichts anderes als die Fortsetzung des 25. Januar. Und wenn manche aus den Reihen des alten Regimes glauben, dies sei der Weg für ihre Rückkehr, dann sage ich Dir voller Gewissheit: Sie irren sich. Diese außergewöhnliche Generation wird sich jedem Unterdrücker entgegenstellen. Sie wird ihre Revolution nicht aufgeben, bevor sie ihre Ziele erreicht hat – ob der Unterdrücker einen Helm trägt, eine Kappe oder einen Turban.

Dieses plebiszitäre Demokratieverständnis stellte sich im Nachhinein als kurzsichtig heraus – wie vieles im politischen Denken von Abdul-Rahman Yusuf. Das Militär übernahm die Macht, eine neue Ära des Autoritarismus begann. Der Dichter stand vor der Wahl zwischen Gefängnis und Exil. Er floh nach Istanbul, das in der Folge neben London und Doha zu den wichtigsten Zentren der islamistischen Auslandsopposition wurde. Dort widmete er sein Schaffen dem Widerstand gegen das Sisi-Regime in Ägypten und dessen Patrone in Saudi-Arabien und den Emiraten. Er söhnte sich dabei mit Teilen der Muslimbruderschaft und mit dem Vater aus.

Abdalrahman Yusufs X-Profil vor seiner Verhaftung: mit dem Vater versöhnt

Die kritische Aufarbeitung der Fehler und Versäumnisse des Arabischen Frühlings war nie sein Geschäft. Hoffnungszeichen auf politische Veränderungen gibt es seit Jahren kaum noch, die Autokratien haben sich konsolidiert und ersticken jegliche Opposition bereits im Keim. Yusufs neuere Gedichte tun sich dementsprechend schwer, Aufbruchstimmung zu verbreiten. Es dominiert der Protest, häufig mit einer Neigung zur wahllosen Glorifizierung von Rebellion und Gewalt, und verbunden mit weltfremd anmutenden Prophezeiungen vom baldigen Sieg des Volkes. Wut, Verzweiflung und Realitätsflucht – eine Stimmungslage, die aus Sicht der Machthaber in der arabischen Welt offenbar so verbreitet und gefährlich ist, dass es ratsam war, den Dichter Abdul-Rahman Yusuf vorsichtshalber zum Schweigen zu bringen.

Politisierte Religion? Ist überall, und es gibt verschiedene Typen davon

#Religion und #Politik :

Bei vielen unfruchtbaren Debatten um Religion und Politik hilft es, nicht in einem Gegensatz von politischer und unpolitischer Religion zu denken, sondern in einem Spektrum unterschiedlicher Möglichkeiten, Religion mit Politik zu verbinden. Wenn wir in #Deutschland genauer hinschauen, finden wir tatsächlich mindestens vier unterschiedliche Typen politisierter Religion: den konservativ-traditionellen, den fundamentalistischen, den gemeinwohlorientierten, und den progressiv-individualistischen.

Es gibt im heutigen westlichen Kontext – vereinfacht gesprochen – vier Typen politisierter Religion: der konservativ-traditionelle, der fundamentalistische, der gemeinwohlorientierte, und der progressiv-individualistische.

Der konservativ-traditionelle Typ wird in Europa – teilweise bis in die Gegenwart – von den protestantischen und katholischen Staatskirchen verkörpert, die darauf drängen, dass der Staat christliche Traditionen weiterhin durchsetzen möge, z.B. die Feiertagsruhe, die traditionelle Ehe, das Kruzifix in öffentlichen Gebäuden. Die Kirchen sehen sich dabei als Teil des politischen status quo und Garanten der nationalen Kultur; sie kooperieren mit den konservativen Kräften im Staat. In vielen christdemokratischen Parteien Europas ging dieser Typ nach dem 2. Weltkrieg allmählich in den gemeinwohlorientierten Typ über.

Der fundamentalistische Typ politisierter Religion vertritt ähnliche konservativ-traditionelle Werte und Normen, sieht sich aber in einem Konflikt mit dem Staat, der sich aus seiner Sicht bereits zu weit von religiösen Normen entfernt hat. Seine Vertreter haben keine Hoffnung darauf, den Staat zu beeinflussen, um die Gesellschaft religiös zu formen; sie möchten deshalb vor allem das Binnenleben der Religionsgemeinschaft schützen und von der Mehrheitsgesellschaft abschotten. Dieser Typ tritt häufig bei christlichen Minderheitsgruppen und „Sekten“ auf, aber auch in migrantischen Religionsgemeinschaften.

Der gemeinwohlorientierte Typ bezieht Motivation und Ziel politischer Handlungen nicht mehr auf die Traditionen und Interessen einer spezifischen religiösen Gemeinschaft, sondern auf die Allgemeinheit der Bürger eines Landes oder gar auf die ganze Menschheit. Man findet ihn bei Politiker:innen unterschiedlicher Parteien in Deutschland, die beispielsweise soziale Gerechtigkeit und den Wohlfahrtsstaat, Ökologie, oder allgemeine Menschenwürde und Asylrecht auf „christlichen Werten“ begründet sehen. Diese Form der Politisierung von Religion wird in stark säkularisierten Gesellschaften wie Deutschland nicht als problematisch wahrgenommen, da die gleichen politischen Standpunkte auch in säkularen Versionen existieren und die Begründungen praktisch austauschbar sind. Die religiöse Motivation kann also als persönlicher Note gewertet werden, nicht als Versuch, anderen Menschen eine Weltanschauung aufzuzwingen.

Der progressiv-individualistische Typ politisierter Religion ist eine Neuentwicklung der letzten Jahrzehnte, ausgelöst durch kulturelle Veränderungen. Typische Beispiele sind religiöse Formen von Feminismus und Homosexuellen- und Queer-Bewegung, die einen gerechten, liebenden Gott für sich reklamieren. Auch diese „politische Religion“ steht nicht im Konflikt mit säkularen Strömungen, umso mehr jedoch mit Konservativen und Fundamentalisten in der eigenen Religionsgemeinschaft (meist eine der großen Kirchen, denn kleinere Religionsgemeinschaften tolerieren solche Abweichungen meist nicht in ihrem Reihen). Diese sehen in der progressiven Theologie keine kreative Weiterentwicklung, sondern eine Pervertierung der religiösen Botschaft.

Die Islamkritik gehört zu Deutschland

Essay (erschienen in Zenith am 25.04.2022)

https://magazin.zenith.me/de/gesellschaft/muslimische-islamkritik

Hamed Abdel-Samad (l.) auf der Frankfurter Buchmesse 2011 JCS / Wikimedia Commons

Die sogenannte Islamkritik galt in Deutschland lange als Domäne älterer Damen und Herren, die von den behaupteten Zumutungen einer Einwanderungsgesellschaft überfordert waren. Autorinnen und Autoren mit muslimischen Wurzeln erfüllten für diese Gruppe die Funktion von Kronzeugen, die nach Bedarf aufgerufen und gerne selektiv zitiert wurden, um bereits bestehende Vorurteile zu bestätigen.

Vor diesem Hintergrund beäugte das liberale, toleranzbewusste Feuilleton die religionskritischen Anwandlungen muslimischer Autorinnen und Autoren nicht selten mit großer Skepsis: Ihre Beiträge galten schnell als »unausgewogen« und »polemisch«, Beifall »von der falschen Seite« bereits als Ausweis unlauterer Gesinnung.

Ungeachtet dieser weit verbreiteten Befindlichkeiten ist die öffentliche Kritik an religiösen Autoritäten, Traditionen und Dogmen unter deutschen Musliminnen und Muslimen in den letzten Jahren lauter geworden. Es wäre Zeit, einen unbefangenen Blick auf die neuen Religionskritiker und ihre Themen und Anliegen zu werfen.

Dabei handelt es sich – das sei gleich vorausgeschickt – keinesfalls um ein homogenes Feld desillusionierter Ex-Muslime, die durch eine zur Schau gestellte Distanzierung vom Islam um die Gunst der deutschen Mehrheitsgesellschaft buhlen. Der Begriff »Islamkritik« weckt hier falsche Assoziationen. Die Wege zur Religionskritik sind individuell höchst verschieden, ebenso wie ihre Mittel und Ziele.

Dies beginnt schon damit, wie Religionskritiker ihr eigenes Verhältnis zum Islam definieren: Ahmad Mansour, der mit dem Buch »Generation Allah« (2015) bekannt wurde, bezeichnet sich als liberaler Muslim. Sineb El Masrar, die Autorin von »Muslim Girls« (2010) und »Emanzipation im Islam« (2016), präsentiert sich als Feministin und Muslimin.

Ein ungleiches Duo bilden der Agnostiker Hamed Abdel-Samad und der Theologieprofessor Mouhanad Khorchide

Ein ungleiches Duo bilden der Agnostiker Hamed Abdel-Samad und der Theologieprofessor Mouhanad Khorchide, die sich mündlich und schriftlich mehrere interessante Streitgespräche geliefert haben, darunter »Ist der Islam noch zu retten?« (2017). Während Khorchide eine modernistische Reformtheologie vertritt und den Traditionalisten und Konservativen nichts weniger als einen »Verrat am Islam« vorwirft (»Gottes falsche Anwälte«, 2020), hat Abdel-Samad dem islamischen Glauben längst in aller Öffentlichkeit den Rücken gekehrt (»Mein Abschied vom Himmel«, 2009; »Mohamed. Eine Abrechnung«, 2015).

Murat Kayman hingegen, der Autor von »Wo der Weg zur Gewalt beginnt« (2021), bezeichnet sich – in einem bewussten Akt der Unterlaufung klischeehafter Fremdzuschreibungen – als »strenggläubigen« Muslim. Der Titel von Amed Sherwans Buch »Kafir. Allah sei Dank bin ich Atheist« (2020) spricht ohnehin für sich.

Welchen Sinn macht es – könnte man fragen – derart unterschiedliche Standpunkte unter dem Stichwort »Religionskritik« zusammenzufassen? Zwei Gemeinsamkeiten stechen hervor: Es sind einerseits die Sorge um gegenwärtige Trends im globalen Islam – zum Beispiel Salafismus und Dschihadismus –, verbunden mit einer durchaus virulenten Abneigung gegenüber den konservativen Islamverbänden in Deutschland, andererseits die Suche nach einem intellektuell und ethisch konsequenten Standpunkt.

Diese Suche führt unvermeidlich dazu, gängige religiöse Haltungen und Überzeugungen – auch solche, die keineswegs unbedingt mit einer extremistischen Gesinnung einhergehen – mit kritischen Nachfragen zu konfrontieren. Wo auch immer religiöse Positionen und Denkmuster zur Rechtfertigung von moralisch fragwürdigen Handlungen und Zuständen dienen können, gehören sie auf den intellektuellen Prüfstand.

Die Themen liegen auf der Hand: Ungleichbehandlung der Geschlechter, repressive Sexualethik, Entmündigung des Individuums, religiöse Rechtfertigung von Gewalt und Zwang, Instrumentalisierung der Religion im Dienst von Nationalismus und Krieg. Kurzum: Es sind die zentralen Themen moderner Religionskritik, ob in Christentum, Judentum oder anderen Religionen, die hier zur Sprache kommen.

Tatsächlich sind die Erwartungen, die an muslimische Religionskritik gerichtet werden bisweilen überzogen

Die hartnäckige Auseinandersetzung mit den Schattenseiten zeitgenössischer muslimischer Gläubigkeit – und ganz bewusst nicht nur oder in erster Linie mit ihren extremistischen Auswüchsen – ruft viele Skeptiker auf den Plan. Leistet eine derart grundsätzliche Religionskritik am Islam nicht – gewollt oder ungewollt – einer gesellschaftlichen Ausgrenzung von Musliminnen und Muslimen Vorschub? Befördert sie rechtspopulistische Narrative einer Nicht-Integrierbarkeit des Islams oder der Muslime ganz allgemein?

Nicht wenige der religionskritischen Autoren sind gefragte Talkshowgäste und Meinungsmacher in den sozialen Medien. Damit sind sie als öffentliche Aktivisten auch Teil von politischen Anerkennungs- und Verteilungskämpfen, niemals nur neutrale Beobachter. Zweifellos scheitern sie dabei auch gelegentlich an der Herausforderung, eine differenzierte Haltung in wenige druckreife Sätze zu verwandeln.

Doch lässt man sich auf eine sorgfältige und auch kritische Lektüre ihrer Bücher ein, findet man einfühlsame und facettenreiche Schilderungen muslimischer Menschen und Lebensentwürfe in der heutigen Welt. Wer daraus eine Abneigung gegen alle Musliminnen und Muslime zieht, hatte sie wohl schon vorher. Fast alle Religionskritiker pflegen einen offenen Umgang mit der eigenen Biografie und erleichtern damit auch eine kritische Einordnung ihrer Sichtweise. Wer versteht, welche Lebenswege und intellektuellen Neigungen zur Religionskritik führen, kann mit ein wenig Fantasie auch nachvollziehen, warum nicht alle Menschen diesen Weg einschlagen.

Tatsächlich sind die Erwartungen, die an muslimische Religionskritik gerichtet werden – von manchen Autoren durchaus auch selbst genährt – bisweilen überzogen. Religionskritik zielt ihrer Natur nach auf das Grundsätzliche. Pragmatische Sofortlösungen für gesellschaftliche und politische Probleme kann sie nicht bieten.

Der Fokus migrantischer Religionskritiker liegt zudem nicht immer nur auf Deutschland

Der Fokus migrantischer Religionskritiker liegt zudem nicht immer nur auf Deutschland. Besonders Migranten der ersten Generation wie Abdel-Samad, Mansour, Khorchide und Sherwan schreiben auch gegen die Tabuisierung des kritischen Nachdenkens um Religion in ihren Herkunftsländern und -milieus an.

Einige mischen sich aktiv in arabisch- und türkischsprachige Debatten in den Sozialen Medien ein, wie etwa Hamed Abdel-Samad, dessen religionskritischer YouTube-Kanal über 100.000 Abonnenten hat und damit zu den populärsten in der gesamten arabischen Welt zählt. Gerade der Aktivismus in den Sozialen Medien führt zu einem hohen Maß an Anfeindungen und Bedrohungen von Seiten konservativer Muslime.

Neigen die muslimischen Religionskritiker auch deshalb zu einem allzu pessimistischen Blick auf die Muslime in Deutschland? Kurzfristig erreicht ihre Kritik bestenfalls eine Minderheit von Zweiflern oder intellektuell Interessierten. Trotzdem – das zeigt die historische Erfahrung mit den christlichen Kirchen – kann sie langfristig folgenreich sein: Autoritäre, wissenschaftsfeindliche, misogyne und sexuell repressive religiöse Strukturen und Denkmuster ändern sich nie von alleine, sondern nur unter Druck von innen und von außen.

Dass sie diesen Wandel ermöglichen und fördern, ist ein wichtiges Kennzeichen offener demokratischer Gesellschaften. Die muslimischen Religionskritiker zeigen, dass diese Errungenschaften im Zeitalter der Migration auch gegen neue Herausforderungen verteidigt werden müssen, die in den Erfahrungswelten des nicht-migrantischen Teils der Gesellschaft gar nicht vorkommen. Bleibt die Frage, ob die Religionskritiker einem Missbrauch ihrer Aussagen zum Zweck der Stigmatisierung und Ausgrenzung von Musliminnen und Muslimen überzeugend genug entgegentreten. Liefern ihre Beiträge neue Impulse für eine unmissverständlich nicht-rassistische Kritik an islamischen Traditionen und Denkmustern?

Kann es der Gesellschaft gelingen, muslimische Religionskritiker nicht als Kronzeugen gegen den Islam und muslimische Mitbürger zu missbrauchen?

Praktisch alle erwähnten Werke – das mag Freund und Feind überraschen – gehen durchaus explizit und ausführlich auf rassistische Diskriminierung in der deutschen Gesellschaft ein. Einige unterbreiten sogar konkrete, teilweise auch unbequeme Vorschläge, was sich in der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft ändern sollte. Allerdings weigern sie sich auch einigermaßen hartnäckig dagegen, im mehrheitsgesellschaftlichen Rassismus die primäre Ursache für die als problematisch empfundenen Zustände in migrantischen Milieus zu sehen.

Die ständige Berufung auf einen »Opferstatus« gegenüber der Gesellschaft, die sie bei manchen muslimischen Akteuren ausmachen, ist allen Religionskritikern ein großes Ärgernis. Im Rahmen solcher innermuslimischen Kontroversen geraten muslimische Religionskritiker nicht selten mit den Sprechkonventionen der antirassistischen und orientalismuskritischen Szene in Konflikt, benutzen Begriffe und Argumente, die dort reflexartig als islamophober und rechtspopulistischer Code verbucht werden. Was wiegt schwerer: Das Recht von Musliminnen und Muslimen, ihr eigenes Herkunftsmilieu zu kritisieren, oder das Streben nach einem respektvollen gesellschaftlichen Umgang mit Minderheiten und benachteiligten Gruppen? Und warum muss hier überhaupt ein Gegensatz bestehen?

Kann es der Gesellschaft gelingen, muslimische Religionskritiker nicht als Kronzeugen gegen den Islam und muslimische Mitbürger zu missbrauchen, sondern als Individuen mit einer eigenen Perspektive wahrzunehmen? Kann die nicht-muslimische Öffentlichkeit lernen, die Relevanz religionskritischer Perspektiven anzuerkennen und ihre Argumente kritisch zu prüfen, ohne damit andere muslimische Standpunkte pauschal für ungültig zu erklären? Wenn das gelingt, dann könnten muslimischer Glaube und die kritisch-aufklärerische Auseinandersetzung mit ihm genauso selbstverständlicher Teil der öffentlichen Diskussion sein, wie es beim Christentum längst der Fall ist. Dann wäre der Islam wohl endgültig in Deutschland angekommen.

Nazir Ayyad: Fatwas und Fortbildungen

Der Ernennung eines neuen Großmuftis löste in Ägypten Kontroversen aus. Mit ihm selbst hatten diese allerdings wenig zu tun

Von Sebastian Elsässer

(Dieser Artikel erschien in Zenith Online im September 2024)

Das Amt des ägyptischen Großmuftis ist mit klangvollen Namen des modernen sunnitischen Islams verbunden. Einer der ersten Amtsträger war von 1899 bis 1905 der bekannte Reformtheologe Muhammad Abduh. In jüngeren Jahren fungierte das Mufti-Amt hauptsächlich als Karrieresprungbrett für ambitionierte Religionsfunktionäre. Die letzten drei Azhar-Scheichs Gad Al-Haqq Ali Gad Al-Haqq (1982–1996), Muhammad Ali Tantawi (1996–2010) und Ahmad al-Tayyib (2010–heute), bekleideten alle das Mufti-Amt, bevor sie auf die höchste Stellung im ägyptischen Staatsislam berufen wurden.

Quelle: Facebook

Nun also Nazir Ayyad, geboren 1972, Professor für Religionsdogmatik und Philosophie, zuletzt Generalsekretär der islamischen Forschungsakademie der Al-Azhar. Direkt nach Ayyads Ernennung überschlugen sich wilde Gerüchte in den sozialen Medien. Konservativen Muslimen fiel der »christlich klingende« Name des neuen Muftis negativ auf, der sie an den bürgerlichen Namen des bedeutenden koptischen Papstes Schenuda III. (gestorben 2012), Nazir Gayyid, erinnerte. Christen und liberale Muslime argwöhnten hingegen, der Neue könnte ein Ultrakonservativer, möglicherweise ein verkappter Salafist sein, habe er doch in einer akademischen Publikation von 2016 die christliche Trinitätslehre »angegriffen«.

Der neue Mufti, mit vollem Namen übrigens Nazir Muhammad Ayyad, bemühte sich umgehend um Klarstellung: Seine Eltern hätten den seltenen Vornamen Nazir durchaus mit Bedacht gewählt, und zwar, um ihrem Bekenntnis zur nationalen Einheit von Muslimen und Christen Ausdruck zu geben. Eine plausible Geschichte, war Schenuda III. (Nazir Gayyid) doch gerade erst im November 1971, wenige Monate vor Ayyads Geburt, zum neuen Papst gewählt worden. Später machte sich Schenuda durch seinen störrischen Widerstand gegen die Islamisierung des ägyptischen Rechts bei vielen konservativen Muslimen unbeliebt, doch das konnten Ayyads Eltern damals noch nicht wissen.

Und der Salafismus-Vorwurf? Es wäre wohl in der Tat ein schlechter islamischer Dogmatiker, wer nicht begründen könnte, warum der Islam die Trinität im Christentum ablehnt. Die Wahrheit der islamischen Glaubenslehre steht im konservativen ägyptischen Staatsislam allgemein sicherlich nicht zur Debatte. Kenntnisreiche Beobachter des religiösen Felds waren sich demnach auch schnell einig, dass Ayyad ein absolut linientreuer Vertreter des religiösen Establishments sei. Er gilt als Zögling des amtierenden Azhar-Scheichs Ahmad Al-Tayyib.

Also viel Lärm um nichts? Es lohnt sich ein Blick auf die tieferen Ursachen der Gerüchte um Ayyad. Wie durch einen Zerrspiegel geben die sozialen Medien den Blick auf die verdrängten Tabus und Konflikte der ägyptischen Gesellschaft frei: Religion bleibt wichtig und allgegenwärtig. Die meisten Bürgern sehen sie als unverzichtbar für kulturelle Identität und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Doch zugleich ist die ägyptische Gesellschaft von tiefen religiösen Bruchlinien durchzogen: muslimische Mehrheit versus christliche Minderheit, Islamisten gegen Anti-Islamisten. Die immer diverseren Kleidungsstile junger Kairener Frauen – zwischen Entschleierung und Niqab, Armeehosen undAbaya – zeigen, dass auch die Bandbreite an Lebensstilen weiterhin zunimmt, ungeachtet dessen, was die stets konservative Gelehrsamkeit als islamisch zulässig definiert.

Die gewaltsame Unterdrückung des politischen Islams durch das Militärregime seit 2013 hat die Gesellschaft nicht befriedet, sondern das gegenseitige Misstrauen unterschiedlicher Milieus verstärkt. Im politischen Vakuum und den Echokammern der sozialen Medien gedeihen irrationale Ängste, wie etwa, dass wichtige Staatsämter in die Hände der jeweils anderen Gruppe fallen könnten.

Die Reaktionen auf die Personalie Ayyad sind ein Symptom dieser Spannungen, denn die Autorität des Mufti-Amtes ist beschränkt. Im Gegensatz zum Azhar-Scheich, der er es sich leisten kann, Präsident und Regierung in islamrechtlich relevanten Dingen gelegentlich zu kritisieren, ist dem Mufti im ägyptischen System keine unabhängige Rolle zugedacht. Als Leiter des dem Justizministerium nachgeordneten Fatwa-Amtes (Dar al-Ifta) besteht seine öffentliche Funktion primär darin, als Anwalt der Regierung die Islamkonformität ihrer Maßnahmen zu bestätigen. Außerdem hat er die (stets als zeremoniell verstandene) Funktion, von der Justiz verhängte Todesurteile zu ratifizieren – in den vergangenen Jahren waren das eine Menge.

Spielraum genießt Ayyad lediglich in der Ausgestaltung der Aktivitäten der Behörde, die unter seinen Vorgängern beträchtlich erweitert und modernisiert wurden. Neben den klassischen Gutachter-Diensten und islamrechtlichen Veröffentlichungen hat das Fatwa-Amt mittlerweile auch Sprechstunden zur Ehe- und Familienberatung, Streitschlichtung sowie Fortbildungen für private Interessenten im Angebot.

Sollte Ayyad noch größere Ambitionen hegen, wird er die Prominenz des Amtes sicherlich nutzen, um eine eigene religiöse Gefolgschaft zu kultivieren. Ein interessantes Vorbild wäre Ali Gum’a (geboren 1952), Mufti von 2003–2013, der – wie der ägyptische Forscher Amr Abdulrahman in einer aufschlussreichen Studie zeigt – durch private sufisch-traditionalistisch geprägte Studienkreise ein einflussreiches Netzwerk aufbauen konnte und zu einer eigenständigen religiösen Autorität aufstieg. Dass er dabei – speziell im Konflikt mit der Muslimbruderschaft – stets unverbrüchlich an Seiten des Militärs stand, dürfte seinen Aufstieg erleichtert haben. Auch dieses Beispiel wird Ayyad vor Augen haben, wenn er nun sein neues Amt antritt.

Caroline Kamil’s novel „Victora“

Feminism and the ‚hidden transcipt‘ of Muslim-Christian relations in Egypt

In a brilliant paper, anthropologists Gaétan du Roy and Mina Ibrahim have argued that, behind the ‘public transcript’ (James Scott) of interreligious conviviality of Christians and Muslims in Egypt, there is also a ‘hidden transcipt’ in which Muslim and Christians complain about each other, voicing sentiments of mistrust, annoyance, anger and disappointment, “particularly Christians who live in an increasingly islamised public space.” (https://neighborglob.hypotheses.org/panel-11-shubra-a-neighborhood-in-cairo ) Both transcipts are real and sincere, like two sides of the same coin of coexistence.

One of the important legacies of the Egyptian revolution has been the increasing courage of intellectuals in addressing the hidden, painful sides of society, religion and personal life. In this spirit, a recently published novel by Karoline Kamil, “Victoria”, tells the coming-of-age story of a young Christian woman. Raised in a predominantly Muslim town in the Delta, Victoria’s childhood memories are deeply marked by the mistrust and fear her parents harboured towards Muslims, especially Salafis, the insults and humiliation suffered by a Christian schoolgirl in a conservative Muslim public school, as well as the secludedness, but also comfort, of church life.

When the main narrative sets in, Victoria is leaving her hometown to move to a well-guarded Christian dormitory in Cairo, where she is supposed to start her studies. She does not feel the slightest inclination for studying, is lonely and absolutely terrified by the urban jungle. The dreariness of her life lightens up when the rebellious Heba becomes her roommate. Heba is slightly older and has specialized in failing regularly in her university exams in order to extend the life of relative autonomy that she enjoys in Cairo. Her rich family does not seem to mind very much, although she has already been expelled from several Christian boarding homes for her unruly behaviour. She likes to frequent the cafés of Downtown Cairo with her artist friends, including her Muslim boyfried Husam, who – according to Heba – “actually does not believe in anything at all”. Victoria is shocked, but also feels drawn towards Heba’s confident, flamboyant personality.

With the help of the budding friendship with Heba, Victoria gradually learns to overcome her social isolation, as well as her personal tensions and fears. The novel carries strong feminist overtones as it describes in excruciating detail how Victoria gradually discovers he femininity, emotional longings and sexual desires. But as much as her experience and self-confidence increase, Victoria also faces hard choices: How can she maintain her faith in God and the consolation she finds in religion, while at the same time avoiding the overbearing presence of priests and nuns? Should she marry Heba’s handsome and rich, but also bossy and macho cousin Yusuf? What is her real dream, her aim in life?

Caroline Kamil, Victoria (Cairo: Al-Karma, 2022).

https://www.goodreads.com/book/show/61418256

Ist das Islamophobie? Ein kleines soziologisches Essay zur Badeordnung in Ägypten

In manchen Hotels und Ferienanlagen in Ägypten fallen Badevorschriften wie diese auf: Sie verbieten beispielsweise das Tragen von baumwollenen Kopftüchern in den Pools und lassen nur eng anliegende „Burkinis“ zu. Ähnliche Einschränkung gegenüber Hijab- oder Niqab-tragenden Frauen finden sich beispielsweise auch in Nachtclubs und in bestimmten Berufsfeldern. Manche Studien wenden auf diese Form der Diskriminierung den Begriff „Islamophobie“ an, aus meiner Sicht aber eine soziologische Fehlinterpretation, da sie den Sachverhalt fälschlicherweise auf eine religiöse Dimension verkürzt.

Der Islam ist hier in Wirklichkeit Teil von kulturellen Konflikten, bei denen unterschiedliche gesellschaftliche Milieus um Hegemonie über soziale Räume ringen und dabei durchaus gegenseitig Druck und Diskriminierung ausüben. Auf beiden Seiten des Konflikts stehen (überwiegend) Musliminnen und Muslime, die aber unterschiedliche kulturelle Normen durchsetzen wollen. Lebensstil und soziale Schichtung sind hier neben unterschiedlichen Religionsauslegungen die entscheidenden Faktoren.

Vereinfacht gesagt prallen im Meer und im Pool in Ägypten zwei Kulturen aufeinander: eine liberale Badekultur, vor allem geprägt durch die einheimische Oberschicht, und eine eher volkstümlich geprägte konservative Badekultur aufeinander. In der liberalen Badekultur ist es üblich, dass Männer Badehosen und Frauen Badeanzüge oder Bikinis tragen, in der konservativen Badekultur tragen Männer auch Badehosen, Frauen hingegen gehen vollbekleidet oder gar nicht baden. Das Gegensatzpaar westlich – islamisch geht hier fehl: Der Salafist sitzt durchaus westlich unbekleidet am Pool, der einzige Mann ohne Badehose ist hingegen häufig der koptische Priester. Der zweite wichtige Unterschied neben dem Umgang mit dem weiblichen Körper ist die Akzeptanz von Alkoholkonsum, in der liberalen Badekultur für viele Menschen ein fester Teil des „Stranderlebnisses“.

Die typische gesellschaftliche Dynamik bei solchen kulturellen Gegensätzen innerhalb einer Gesellschaft heißt „gleich zu gleich gesellt sich gern“. Verschiedene gesellschaftliche Schichten und kulturelle Milieus bewohnen ihre jeweils eigenen Räume. Da das liberale Milieu in Ägypten und anderen muslimischen Ländern eindeutig eine kulturelle Minderheit darstellt, zieht es sich heutzutage häufig in geschützte Enklaven zurück. Im allgemein-öffentlichen Raum dominiert die konservative Mehrheit und ihre Vorstellungen von angemessener Kleidung und Geschlechterverhalten.

Das war nicht immer so, denn Anfang des 20. Jahrhunderts war das Sommerbaden noch ein reines Oberschichtshobby, übernommen von der europäischen Seite des Mittelmeeres. Nach und nach hat sich das breite Volk dieses Hobby angeeignet und nach eigenen Sitten und Moralvorstellungen umgeformt. Die Badekultur der Oberschicht wurde dabei nach und nach aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Hohe Eintrittskosten wurden ein beliebtes Mittel, um liberale Räume, in denen Frauen sich freizügig kleiden und ungeniert Alkohol konsumiert werden kann, vor den zudringlichen Volksmassen abzuschirmen, so auch Strände und Ferienanlagen. Wo das konservative Milieu überwiegt, toleriert es Bikinis und Bier nun nicht mehr. Weniger wohlhabende aber kulturell liberale Ägypter sind, wenn sie den Zugang zu den „Enklaven“ nicht bezahlen können, hier wie in vielen anderen Situationen gezwungen, sich der konservativen Mehrheit anpassen.

Das alles ist natürlich idealtypische Vereinfachung. Kulturelle Milieus in muslimischen Gesellschaften sind nicht (mehr) säuberlich nach Schicht und Geldbeutel trennbar. Während die Oberschichtskultur Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts eher liberal dominiert war und Konservative sich eher anzupassen hatten, um dazuzugehören, hat die islamisch-konservative Kultur seit den 1970er Jahren in den Mittel- und Oberschichten weite Verbreitung gefunden. Die Grenzen zwischen Schichten und Milieus sind stets in Bewegung und kulturelle Codes werden ständig neu verhandelt.

Daher dieses Schild: Die Verwaltung eines relativ teuren Strandresorts sieht sich gezwungen, in Fragen der Kleiderordnung am Pool verbindliche Regeln zu erlassen, wahrscheinlich um den finanziell bedeutendsten Teil seiner Klientel nicht zu verlieren. Diese Klientel fragt eine liberale Badekultur nach, bei der Bikini und Bier die Norm sind. Während das liberale Milieu noch bereit ist, islamisch-konservative Badekleidung zu akzeptieren, stellt das Baden in Alltagskleidung für diese Gruppe offensichtlich eine rote Linie dar. Das Tragen von Badekleidung zeigt Kultiviertheit, Wohlstand und Geschmack, Baden in Alltagskleidung gilt als unhygienisch und vulgär und hat folglich in anspruchsvollen Resorts nichts zu suchen. Letztlich trumpft also soziale Schichtung Religion.

#25Jan – Erinnerungen (3)

28. Januar 2011 – Mittags findet das Freitagsgebet statt, bis dahin wird sowieso nichts passieren. Traditionell verbringen die Menschen in Kairo den Freitagvormittag mit ihrer Familie zu Hause, die Läden haben geschlossen und die Straßen sind leer. Wir fahren zu Verwandten von N. in einem ruhigen Viertel, weit entfernt von der Innenstadt, um dort den Nachmittag zu verbringen und die Ereignisse abzuwarten.

Freitagsgebet, Kairo (2006)

Dann erst einmal Langeweile: die Regierung hat das Internet und teilweise auch das Mobilfunknetz abgeschaltet. Ob das eine gute Idee ist und die Leute nicht erst recht auf die Straßen treiben wird? Informationen zu aktuellen Geschehnissen kann man jetzt nur noch aus dem Fernsehen beziehen, und das zeigt den ganzen Nachmittag eher nichtssagende Bilder in Dauerschleife. Die nicht-regierungsnahen Sender berichten allerdings von größeren Demonstrationen. Als am frühen Abend die Dunkelheit einsetzt, erklärt die Regierung überraschend eine Ausgangssperre und verkündet, dass das Militär mobilisiert wurde und auf den Straßen für Ordnung sorgen wird. Das heißt also, dass wir übernachten müssen, worauf wir nicht wirklich vorbereitet sind. Für den späteren Abend wird eine Rede von Mubarak angekündigt. Langsam wird klar, dass die Mobilisierung viel größer gewesen ist als erwartet. Die Lage ist chaotisch und es hat wohl Tote und Verletzte gegeben. Doch welche Konsequenz könnte Mubarak daraus ziehen? Wird er jetzt zu echten politischen Veränderungen bereit sein? Um 0:16 wird endlich die Rede ausgestrahlt. Mubarak verkündet er umständlich, dass er die legitime Kritik der „Jugend“ zu Kenntnis nimmt und eine von ihm zu ernennende Regierung mit der Aufgabe betreuen wird, auf die Forderungen der Demonstranten nach mehr Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit einzugehen. Angesichts der Wucht dieser Protestwelle scheint das zu wenig. Und wer soll überhaupt noch solche Reformversprechen glauben, wo Mubarak doch erst im vergangenen Dezember die Wahlen so manipulieren ließ, dass keine Oppositionellen mehr im Parlament vertreten sind? Doch da ist noch ein anderer Ton: Eindringlich warnt Mubarak davor, dass die Proteste in Chaos und Zerstörung abgleiten könnten. Das muss verhindert werden! Heißt das, dass er die Protestwelle jetzt mit Hilfe des Militärs und verschärfter Repressionen brechen und damit auch diese Krise aussitzen wird? Das würde noch mehr Gewalt und Chaos bedeuten, aber warum auch nicht?

Husni Mubaraks Fernsehansprache, 29. Januar 2011, 0:16 (Quelle: Ägyptisches Staatsfernsehen/Youtube)

29. Januar 2011, morgens – Der nächste Tag zeigt: Diesmal könnte es anders kommen. Wir fahren in aller Frühe mit dem Auto einmal quer durch die Stadt. Samstag ist Arbeitstag und N. wird im Büro dringend erwartet. Auf den Straßen ist kaum Verkehr, die meisten Menschen haben also beschlossen, erst einmal zuhause zu bleiben. Vereinzelt sind an Kreuzungen Panzer stationiert, die aber lediglich den Verkehr observieren. In der Nähe des Stadtzentrums führt die Stadtautobahn auf Höhe des zweiten Stocks nah an den Häusern vorbei. Aus einem Gebäude schlagen Flammen, die Fassade zeigt in großen Lettern „Gerichtskomplex al-Gala“. Keine Spur jedoch von Feuerwehr oder Polizei. Etwas weiter zieht am Nilufer stetiger Rauch aus einem alleinstehenden Hochhaus. Es ist das Hauptquartier der regierenden „Demokratischen Partei“, eine Art Anhängsel des Mubarak-Regimes. Auch hier keine Anzeichen von Sicherungs- oder Löscharbeiten. Während N. arbeiten geht, observiere ich in unserem Viertel die Lage. Auch an normalen Tagen ist es hier vormittags eher ruhig, die wenigen Läden sind geöffnet. Doch etwas ist anders: Es fehlen die zahlreichen Bereitschaftspolizisten, die sonst hier gelangweilt vor den ausländischen Botschaften Wache schieben. Auch von der Verkehrspolizei, die sonst an einigen Kreuzungen positioniert ist, keine Spur. Offensichtlich hat sich ein großer Teil des ägyptischen Polizeistaates über Nacht in Luft aufgelöst. So berichtet auch die Presse, die tatsächlich wie gewohnt beim Straßenverkäufer ausliegt. Doch was hat das zu bedeuten? Wie wird die Bevölkerung darauf reagieren?

Hauptquartier der „Nationaldemokratischen Partei“, 29. Januar 2011

29. Januar 2011, nachmittags – Im Laufe des Tages schleicht sich allmählich Nervosität ein. In der vergangenen Nacht hat es nicht nur Demonstrationen, sondern auch Zerstörungen und Plünderungen gegeben, so viel ist bekannt. Die Polizei ist erst einmal weg und wird so schnell nicht wiederkommen. Schulen, Kindergärten und Behörden bis auf weiteres geschlossen. Wie wird sich die Versorgungslage in dieser riesigen Stadt entwickeln, wenn viele Menschen weiterhin nicht zur Arbeit gehen können? Der Supermarkt, vormittags noch leer, ist kurz vor der angekündigten Ausgangssperre auf einmal brechend voll. Viele Anwohner haben anscheinend spontan beschlossen, ihre Vorräte aufzustocken. Alle schieben randvolle Einkaufswägen vor sich her und die Bediensteten des Markts haben bereits begonnen, die großen Wasserkanister zu rationieren, die bei den Einkaufenden besonders begehrt sind. Kurz nach vier Uhr sitzen wir dann zuhause und warten. Unten auf der Straße beginnen die Hausmeister und Türsteher, zusammen mit einigen Hausbesitzern, Nachbarschaftswachen zu organisieren und bewaffnen sich mit Latten und Stöcken. Dies ist ein wohlhabendes, gutbürgerliches Viertel. Was, wenn diese Nacht Mobs aus den Armenvierteln dieser Stadt plündernd durch die Straßen ziehen sollten? Die wenigen Militärposten werden sie wohl kaum aufhalten können. Wo kann man sich informieren? Stimmen die Gerüchte, die jemand von einem Mitarbeiter der Staatssicherheit gehört hat? Vielleicht sollte man sich auf das Schlimmste gefasst machen. Würde das schwere Metallgitter am Haupteingang unseres fünfstöckigen Hauses einem Einbruchsversuch standhalten? Wie könnte man die hölzerne Wohnungstür eventuell noch von innen verstärken? Immer wieder der Blick vom Balkon: Ein Mann, offenbar der Besitzer des Luxusmotorrad-Vertriebs um die Ecke, fährt auf seiner dröhnenden Harley-Davidson nervös auf und ab, offenbar versucht er, die Lage zu observieren. Ansonsten Stille. Die Nacht kommt und geht. Es passiert nichts.

Nach dem Beginn der Ausgangsspresse bildet sich eine Nachbarschaftswache (29. Januar 2011, später Nachmittag)

#25Jan – Erinnerungen (2)

27. Januar 2011: Eine gewisse nervöse Erwartung ist doch zu spüren. Der Tierarzt verfolgt auf seinem Praxiscomputer am oberen rechten Bildrand einen Nachrichtenstream, während er die Akte unseres Katers bearbeitet. Die Medien berichten, dass die Unruhen seit dem vergangenen Dienstag nun auch auf andere ägyptische Städte übergegriffen haben. Im Zentrum Kairos, wo ich abends Freunde treffe, wirkt aber alles wie immer. Die Männer in den Cafés blicken vielleicht etwas aufmerksamer als sonst auf die Fernsehbildschirme. Für den kommenden Freitag, den 28. Januar haben die Oppositionellen einen erneuten „Tag des Zorns“ angekündigt. Das wird wohl die Probe aufs Exempel, ob man durch Aufrufe in den sozialen Medien doch Massen auf die Straßen bringen kann. Aber kaum vorstellbar, dass sich die Polizei erneut so überraschen lassen wird! Neben den Einheiten der Bereitschaftspolizei, die mit ihren verbeulten schwarzen Mannschaftswagen und Pickups, abgewetzten Uniformen, und gelangweilten Gesichtern zum alltäglichen Straßenbild hier gehören, bemerke ich Ungewöhnliches: Stellungen muskulöser junger Männer mit gut sitzenden Uniformen und martialisch anmutender Ausrüstung. Offenbar haben die Sicherheitskräfte Einheiten in der Hinterhand, die im Alltagsgeschäft bis jetzt noch nicht zum Einsatz kamen. Vielleicht sollte man doch besser auf der Hut sein und am Freitag die Innenstadt meiden.

Nächtliche Straßenszene, Downtown Kairo (2017)