#1: Was ist Religion?
Wie können wir den Islam wissenschaftlich beschreiben und analysieren?
Zunächst lohnt es sich, einige verbreitete Denkgewohnheiten kritisch zu hinterfragen. Viele populärwissenschaftliche Beschreibungen von Religionen orientieren sich an dem Bild der „vielen bunten Blumen in Gottes Garten“ und konzentrieren sich auf eine Beschreibung der (vermeintlich) charakteristischen Eigenheiten der jeweiligen Religion.
Ich erkläre in meinen Vorlesungen, warum dieses Bild wissenschaftlich nicht weiterführt, ebenso wenig wie ein Bild, das mit einem ähnlichen Zugang die Vielfalt innerhalb des Islams betont. Auch ein Ansatz, der den Islam als Phänomen sui generis betrachtet und (überwiegend) aus sich selbst heraus erklären will, ist nicht ausreichend.
Gefragt sind hingegen analytische Modelle, die erklären können, warum bestimmte Ausprägungen des Islams (und anderer Religionen) gerade heute verbreitet sind und andere nicht. Wo beobachten wir signifikante Veränderungen und in welche Richtungen? Was hat das mit Bevölkerungswachstum und Migration, Kapitalismus, Politik, kulturellen Trends und anderen Faktoren zu tun?
Wichtige Konzepte finden wir in soziologischen Ansätzen zu Säkularisierung, Globalisierung und zum religiösen Feld, sowie in Modellen des „religiösen Wettbewerbs“. Diese müssen auf ihre Relevanz überprüft und an den Gegenstand angepasst werden. Kein soziologisches Modell kann per se jenseits von Raum und Zeit Gültigkeit beanspruchen. Dennoch gelten für den Islam die gleichen Zusammenhänge und Mechanismen wie für andere Religionen. Aus wissenschaftlicher Sicht haben Religionen keinen „unwandelbaren Kern“, sondern einen variablen und wandelbaren Satz typischer Merkmale. Der Rest ist menschliche Praxis und Geschichte.