28. Januar 2011 – Mittags findet das Freitagsgebet statt, bis dahin wird sowieso nichts passieren. Traditionell verbringen die Menschen in Kairo den Freitagvormittag mit ihrer Familie zu Hause, die Läden haben geschlossen und die Straßen sind leer. Wir fahren zu Verwandten von N. in einem ruhigen Viertel, weit entfernt von der Innenstadt, um dort den Nachmittag zu verbringen und die Ereignisse abzuwarten.

Dann erst einmal Langeweile: die Regierung hat das Internet und teilweise auch das Mobilfunknetz abgeschaltet. Ob das eine gute Idee ist und die Leute nicht erst recht auf die Straßen treiben wird? Informationen zu aktuellen Geschehnissen kann man jetzt nur noch aus dem Fernsehen beziehen, und das zeigt den ganzen Nachmittag eher nichtssagende Bilder in Dauerschleife. Die nicht-regierungsnahen Sender berichten allerdings von größeren Demonstrationen. Als am frühen Abend die Dunkelheit einsetzt, erklärt die Regierung überraschend eine Ausgangssperre und verkündet, dass das Militär mobilisiert wurde und auf den Straßen für Ordnung sorgen wird. Das heißt also, dass wir übernachten müssen, worauf wir nicht wirklich vorbereitet sind. Für den späteren Abend wird eine Rede von Mubarak angekündigt. Langsam wird klar, dass die Mobilisierung viel größer gewesen ist als erwartet. Die Lage ist chaotisch und es hat wohl Tote und Verletzte gegeben. Doch welche Konsequenz könnte Mubarak daraus ziehen? Wird er jetzt zu echten politischen Veränderungen bereit sein? Um 0:16 wird endlich die Rede ausgestrahlt. Mubarak verkündet er umständlich, dass er die legitime Kritik der „Jugend“ zu Kenntnis nimmt und eine von ihm zu ernennende Regierung mit der Aufgabe betreuen wird, auf die Forderungen der Demonstranten nach mehr Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit einzugehen. Angesichts der Wucht dieser Protestwelle scheint das zu wenig. Und wer soll überhaupt noch solche Reformversprechen glauben, wo Mubarak doch erst im vergangenen Dezember die Wahlen so manipulieren ließ, dass keine Oppositionellen mehr im Parlament vertreten sind? Doch da ist noch ein anderer Ton: Eindringlich warnt Mubarak davor, dass die Proteste in Chaos und Zerstörung abgleiten könnten. Das muss verhindert werden! Heißt das, dass er die Protestwelle jetzt mit Hilfe des Militärs und verschärfter Repressionen brechen und damit auch diese Krise aussitzen wird? Das würde noch mehr Gewalt und Chaos bedeuten, aber warum auch nicht?

29. Januar 2011, morgens – Der nächste Tag zeigt: Diesmal könnte es anders kommen. Wir fahren in aller Frühe mit dem Auto einmal quer durch die Stadt. Samstag ist Arbeitstag und N. wird im Büro dringend erwartet. Auf den Straßen ist kaum Verkehr, die meisten Menschen haben also beschlossen, erst einmal zuhause zu bleiben. Vereinzelt sind an Kreuzungen Panzer stationiert, die aber lediglich den Verkehr observieren. In der Nähe des Stadtzentrums führt die Stadtautobahn auf Höhe des zweiten Stocks nah an den Häusern vorbei. Aus einem Gebäude schlagen Flammen, die Fassade zeigt in großen Lettern „Gerichtskomplex al-Gala“. Keine Spur jedoch von Feuerwehr oder Polizei. Etwas weiter zieht am Nilufer stetiger Rauch aus einem alleinstehenden Hochhaus. Es ist das Hauptquartier der regierenden „Demokratischen Partei“, eine Art Anhängsel des Mubarak-Regimes. Auch hier keine Anzeichen von Sicherungs- oder Löscharbeiten. Während N. arbeiten geht, observiere ich in unserem Viertel die Lage. Auch an normalen Tagen ist es hier vormittags eher ruhig, die wenigen Läden sind geöffnet. Doch etwas ist anders: Es fehlen die zahlreichen Bereitschaftspolizisten, die sonst hier gelangweilt vor den ausländischen Botschaften Wache schieben. Auch von der Verkehrspolizei, die sonst an einigen Kreuzungen positioniert ist, keine Spur. Offensichtlich hat sich ein großer Teil des ägyptischen Polizeistaates über Nacht in Luft aufgelöst. So berichtet auch die Presse, die tatsächlich wie gewohnt beim Straßenverkäufer ausliegt. Doch was hat das zu bedeuten? Wie wird die Bevölkerung darauf reagieren?

29. Januar 2011, nachmittags – Im Laufe des Tages schleicht sich allmählich Nervosität ein. In der vergangenen Nacht hat es nicht nur Demonstrationen, sondern auch Zerstörungen und Plünderungen gegeben, so viel ist bekannt. Die Polizei ist erst einmal weg und wird so schnell nicht wiederkommen. Schulen, Kindergärten und Behörden bis auf weiteres geschlossen. Wie wird sich die Versorgungslage in dieser riesigen Stadt entwickeln, wenn viele Menschen weiterhin nicht zur Arbeit gehen können? Der Supermarkt, vormittags noch leer, ist kurz vor der angekündigten Ausgangssperre auf einmal brechend voll. Viele Anwohner haben anscheinend spontan beschlossen, ihre Vorräte aufzustocken. Alle schieben randvolle Einkaufswägen vor sich her und die Bediensteten des Markts haben bereits begonnen, die großen Wasserkanister zu rationieren, die bei den Einkaufenden besonders begehrt sind. Kurz nach vier Uhr sitzen wir dann zuhause und warten. Unten auf der Straße beginnen die Hausmeister und Türsteher, zusammen mit einigen Hausbesitzern, Nachbarschaftswachen zu organisieren und bewaffnen sich mit Latten und Stöcken. Dies ist ein wohlhabendes, gutbürgerliches Viertel. Was, wenn diese Nacht Mobs aus den Armenvierteln dieser Stadt plündernd durch die Straßen ziehen sollten? Die wenigen Militärposten werden sie wohl kaum aufhalten können. Wo kann man sich informieren? Stimmen die Gerüchte, die jemand von einem Mitarbeiter der Staatssicherheit gehört hat? Vielleicht sollte man sich auf das Schlimmste gefasst machen. Würde das schwere Metallgitter am Haupteingang unseres fünfstöckigen Hauses einem Einbruchsversuch standhalten? Wie könnte man die hölzerne Wohnungstür eventuell noch von innen verstärken? Immer wieder der Blick vom Balkon: Ein Mann, offenbar der Besitzer des Luxusmotorrad-Vertriebs um die Ecke, fährt auf seiner dröhnenden Harley-Davidson nervös auf und ab, offenbar versucht er, die Lage zu observieren. Ansonsten Stille. Die Nacht kommt und geht. Es passiert nichts.
