Ist das Islamophobie? Ein kleines soziologisches Essay zur Badeordnung in Ägypten

In manchen Hotels und Ferienanlagen in Ägypten fallen Badevorschriften wie diese auf: Sie verbieten beispielsweise das Tragen von baumwollenen Kopftüchern in den Pools und lassen nur eng anliegende „Burkinis“ zu. Ähnliche Einschränkung gegenüber Hijab- oder Niqab-tragenden Frauen finden sich beispielsweise auch in Nachtclubs und in bestimmten Berufsfeldern. Manche Studien wenden auf diese Form der Diskriminierung den Begriff „Islamophobie“ an, aus meiner Sicht aber eine soziologische Fehlinterpretation, da sie den Sachverhalt fälschlicherweise auf eine religiöse Dimension verkürzt.

Der Islam ist hier in Wirklichkeit Teil von kulturellen Konflikten, bei denen unterschiedliche gesellschaftliche Milieus um Hegemonie über soziale Räume ringen und dabei durchaus gegenseitig Druck und Diskriminierung ausüben. Auf beiden Seiten des Konflikts stehen (überwiegend) Musliminnen und Muslime, die aber unterschiedliche kulturelle Normen durchsetzen wollen. Lebensstil und soziale Schichtung sind hier neben unterschiedlichen Religionsauslegungen die entscheidenden Faktoren.

Vereinfacht gesagt prallen im Meer und im Pool in Ägypten zwei Kulturen aufeinander: eine liberale Badekultur, vor allem geprägt durch die einheimische Oberschicht, und eine eher volkstümlich geprägte konservative Badekultur aufeinander. In der liberalen Badekultur ist es üblich, dass Männer Badehosen und Frauen Badeanzüge oder Bikinis tragen, in der konservativen Badekultur tragen Männer auch Badehosen, Frauen hingegen gehen vollbekleidet oder gar nicht baden. Das Gegensatzpaar westlich – islamisch geht hier fehl: Der Salafist sitzt durchaus westlich unbekleidet am Pool, der einzige Mann ohne Badehose ist hingegen häufig der koptische Priester. Der zweite wichtige Unterschied neben dem Umgang mit dem weiblichen Körper ist die Akzeptanz von Alkoholkonsum, in der liberalen Badekultur für viele Menschen ein fester Teil des „Stranderlebnisses“.

Die typische gesellschaftliche Dynamik bei solchen kulturellen Gegensätzen innerhalb einer Gesellschaft heißt „gleich zu gleich gesellt sich gern“. Verschiedene gesellschaftliche Schichten und kulturelle Milieus bewohnen ihre jeweils eigenen Räume. Da das liberale Milieu in Ägypten und anderen muslimischen Ländern eindeutig eine kulturelle Minderheit darstellt, zieht es sich heutzutage häufig in geschützte Enklaven zurück. Im allgemein-öffentlichen Raum dominiert die konservative Mehrheit und ihre Vorstellungen von angemessener Kleidung und Geschlechterverhalten.

Das war nicht immer so, denn Anfang des 20. Jahrhunderts war das Sommerbaden noch ein reines Oberschichtshobby, übernommen von der europäischen Seite des Mittelmeeres. Nach und nach hat sich das breite Volk dieses Hobby angeeignet und nach eigenen Sitten und Moralvorstellungen umgeformt. Die Badekultur der Oberschicht wurde dabei nach und nach aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Hohe Eintrittskosten wurden ein beliebtes Mittel, um liberale Räume, in denen Frauen sich freizügig kleiden und ungeniert Alkohol konsumiert werden kann, vor den zudringlichen Volksmassen abzuschirmen, so auch Strände und Ferienanlagen. Wo das konservative Milieu überwiegt, toleriert es Bikinis und Bier nun nicht mehr. Weniger wohlhabende aber kulturell liberale Ägypter sind, wenn sie den Zugang zu den „Enklaven“ nicht bezahlen können, hier wie in vielen anderen Situationen gezwungen, sich der konservativen Mehrheit anpassen.

Das alles ist natürlich idealtypische Vereinfachung. Kulturelle Milieus in muslimischen Gesellschaften sind nicht (mehr) säuberlich nach Schicht und Geldbeutel trennbar. Während die Oberschichtskultur Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts eher liberal dominiert war und Konservative sich eher anzupassen hatten, um dazuzugehören, hat die islamisch-konservative Kultur seit den 1970er Jahren in den Mittel- und Oberschichten weite Verbreitung gefunden. Die Grenzen zwischen Schichten und Milieus sind stets in Bewegung und kulturelle Codes werden ständig neu verhandelt.

Daher dieses Schild: Die Verwaltung eines relativ teuren Strandresorts sieht sich gezwungen, in Fragen der Kleiderordnung am Pool verbindliche Regeln zu erlassen, wahrscheinlich um den finanziell bedeutendsten Teil seiner Klientel nicht zu verlieren. Diese Klientel fragt eine liberale Badekultur nach, bei der Bikini und Bier die Norm sind. Während das liberale Milieu noch bereit ist, islamisch-konservative Badekleidung zu akzeptieren, stellt das Baden in Alltagskleidung für diese Gruppe offensichtlich eine rote Linie dar. Das Tragen von Badekleidung zeigt Kultiviertheit, Wohlstand und Geschmack, Baden in Alltagskleidung gilt als unhygienisch und vulgär und hat folglich in anspruchsvollen Resorts nichts zu suchen. Letztlich trumpft also soziale Schichtung Religion.

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