Der Ernennung eines neuen Großmuftis löste in Ägypten Kontroversen aus. Mit ihm selbst hatten diese allerdings wenig zu tun
Von Sebastian Elsässer
(Dieser Artikel erschien in Zenith Online im September 2024)
Das Amt des ägyptischen Großmuftis ist mit klangvollen Namen des modernen sunnitischen Islams verbunden. Einer der ersten Amtsträger war von 1899 bis 1905 der bekannte Reformtheologe Muhammad Abduh. In jüngeren Jahren fungierte das Mufti-Amt hauptsächlich als Karrieresprungbrett für ambitionierte Religionsfunktionäre. Die letzten drei Azhar-Scheichs Gad Al-Haqq Ali Gad Al-Haqq (1982–1996), Muhammad Ali Tantawi (1996–2010) und Ahmad al-Tayyib (2010–heute), bekleideten alle das Mufti-Amt, bevor sie auf die höchste Stellung im ägyptischen Staatsislam berufen wurden.

Nun also Nazir Ayyad, geboren 1972, Professor für Religionsdogmatik und Philosophie, zuletzt Generalsekretär der islamischen Forschungsakademie der Al-Azhar. Direkt nach Ayyads Ernennung überschlugen sich wilde Gerüchte in den sozialen Medien. Konservativen Muslimen fiel der »christlich klingende« Name des neuen Muftis negativ auf, der sie an den bürgerlichen Namen des bedeutenden koptischen Papstes Schenuda III. (gestorben 2012), Nazir Gayyid, erinnerte. Christen und liberale Muslime argwöhnten hingegen, der Neue könnte ein Ultrakonservativer, möglicherweise ein verkappter Salafist sein, habe er doch in einer akademischen Publikation von 2016 die christliche Trinitätslehre »angegriffen«.
Der neue Mufti, mit vollem Namen übrigens Nazir Muhammad Ayyad, bemühte sich umgehend um Klarstellung: Seine Eltern hätten den seltenen Vornamen Nazir durchaus mit Bedacht gewählt, und zwar, um ihrem Bekenntnis zur nationalen Einheit von Muslimen und Christen Ausdruck zu geben. Eine plausible Geschichte, war Schenuda III. (Nazir Gayyid) doch gerade erst im November 1971, wenige Monate vor Ayyads Geburt, zum neuen Papst gewählt worden. Später machte sich Schenuda durch seinen störrischen Widerstand gegen die Islamisierung des ägyptischen Rechts bei vielen konservativen Muslimen unbeliebt, doch das konnten Ayyads Eltern damals noch nicht wissen.
Und der Salafismus-Vorwurf? Es wäre wohl in der Tat ein schlechter islamischer Dogmatiker, wer nicht begründen könnte, warum der Islam die Trinität im Christentum ablehnt. Die Wahrheit der islamischen Glaubenslehre steht im konservativen ägyptischen Staatsislam allgemein sicherlich nicht zur Debatte. Kenntnisreiche Beobachter des religiösen Felds waren sich demnach auch schnell einig, dass Ayyad ein absolut linientreuer Vertreter des religiösen Establishments sei. Er gilt als Zögling des amtierenden Azhar-Scheichs Ahmad Al-Tayyib.
Also viel Lärm um nichts? Es lohnt sich ein Blick auf die tieferen Ursachen der Gerüchte um Ayyad. Wie durch einen Zerrspiegel geben die sozialen Medien den Blick auf die verdrängten Tabus und Konflikte der ägyptischen Gesellschaft frei: Religion bleibt wichtig und allgegenwärtig. Die meisten Bürgern sehen sie als unverzichtbar für kulturelle Identität und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Doch zugleich ist die ägyptische Gesellschaft von tiefen religiösen Bruchlinien durchzogen: muslimische Mehrheit versus christliche Minderheit, Islamisten gegen Anti-Islamisten. Die immer diverseren Kleidungsstile junger Kairener Frauen – zwischen Entschleierung und Niqab, Armeehosen undAbaya – zeigen, dass auch die Bandbreite an Lebensstilen weiterhin zunimmt, ungeachtet dessen, was die stets konservative Gelehrsamkeit als islamisch zulässig definiert.
Die gewaltsame Unterdrückung des politischen Islams durch das Militärregime seit 2013 hat die Gesellschaft nicht befriedet, sondern das gegenseitige Misstrauen unterschiedlicher Milieus verstärkt. Im politischen Vakuum und den Echokammern der sozialen Medien gedeihen irrationale Ängste, wie etwa, dass wichtige Staatsämter in die Hände der jeweils anderen Gruppe fallen könnten.
Die Reaktionen auf die Personalie Ayyad sind ein Symptom dieser Spannungen, denn die Autorität des Mufti-Amtes ist beschränkt. Im Gegensatz zum Azhar-Scheich, der er es sich leisten kann, Präsident und Regierung in islamrechtlich relevanten Dingen gelegentlich zu kritisieren, ist dem Mufti im ägyptischen System keine unabhängige Rolle zugedacht. Als Leiter des dem Justizministerium nachgeordneten Fatwa-Amtes (Dar al-Ifta) besteht seine öffentliche Funktion primär darin, als Anwalt der Regierung die Islamkonformität ihrer Maßnahmen zu bestätigen. Außerdem hat er die (stets als zeremoniell verstandene) Funktion, von der Justiz verhängte Todesurteile zu ratifizieren – in den vergangenen Jahren waren das eine Menge.
Spielraum genießt Ayyad lediglich in der Ausgestaltung der Aktivitäten der Behörde, die unter seinen Vorgängern beträchtlich erweitert und modernisiert wurden. Neben den klassischen Gutachter-Diensten und islamrechtlichen Veröffentlichungen hat das Fatwa-Amt mittlerweile auch Sprechstunden zur Ehe- und Familienberatung, Streitschlichtung sowie Fortbildungen für private Interessenten im Angebot.
Sollte Ayyad noch größere Ambitionen hegen, wird er die Prominenz des Amtes sicherlich nutzen, um eine eigene religiöse Gefolgschaft zu kultivieren. Ein interessantes Vorbild wäre Ali Gum’a (geboren 1952), Mufti von 2003–2013, der – wie der ägyptische Forscher Amr Abdulrahman in einer aufschlussreichen Studie zeigt – durch private sufisch-traditionalistisch geprägte Studienkreise ein einflussreiches Netzwerk aufbauen konnte und zu einer eigenständigen religiösen Autorität aufstieg. Dass er dabei – speziell im Konflikt mit der Muslimbruderschaft – stets unverbrüchlich an Seiten des Militärs stand, dürfte seinen Aufstieg erleichtert haben. Auch dieses Beispiel wird Ayyad vor Augen haben, wenn er nun sein neues Amt antritt.