Politisierte Religion? Ist überall, und es gibt verschiedene Typen davon

#Religion und #Politik :

Bei vielen unfruchtbaren Debatten um Religion und Politik hilft es, nicht in einem Gegensatz von politischer und unpolitischer Religion zu denken, sondern in einem Spektrum unterschiedlicher Möglichkeiten, Religion mit Politik zu verbinden. Wenn wir in #Deutschland genauer hinschauen, finden wir tatsächlich mindestens vier unterschiedliche Typen politisierter Religion: den konservativ-traditionellen, den fundamentalistischen, den gemeinwohlorientierten, und den progressiv-individualistischen.

Es gibt im heutigen westlichen Kontext – vereinfacht gesprochen – vier Typen politisierter Religion: der konservativ-traditionelle, der fundamentalistische, der gemeinwohlorientierte, und der progressiv-individualistische.

Der konservativ-traditionelle Typ wird in Europa – teilweise bis in die Gegenwart – von den protestantischen und katholischen Staatskirchen verkörpert, die darauf drängen, dass der Staat christliche Traditionen weiterhin durchsetzen möge, z.B. die Feiertagsruhe, die traditionelle Ehe, das Kruzifix in öffentlichen Gebäuden. Die Kirchen sehen sich dabei als Teil des politischen status quo und Garanten der nationalen Kultur; sie kooperieren mit den konservativen Kräften im Staat. In vielen christdemokratischen Parteien Europas ging dieser Typ nach dem 2. Weltkrieg allmählich in den gemeinwohlorientierten Typ über.

Der fundamentalistische Typ politisierter Religion vertritt ähnliche konservativ-traditionelle Werte und Normen, sieht sich aber in einem Konflikt mit dem Staat, der sich aus seiner Sicht bereits zu weit von religiösen Normen entfernt hat. Seine Vertreter haben keine Hoffnung darauf, den Staat zu beeinflussen, um die Gesellschaft religiös zu formen; sie möchten deshalb vor allem das Binnenleben der Religionsgemeinschaft schützen und von der Mehrheitsgesellschaft abschotten. Dieser Typ tritt häufig bei christlichen Minderheitsgruppen und „Sekten“ auf, aber auch in migrantischen Religionsgemeinschaften.

Der gemeinwohlorientierte Typ bezieht Motivation und Ziel politischer Handlungen nicht mehr auf die Traditionen und Interessen einer spezifischen religiösen Gemeinschaft, sondern auf die Allgemeinheit der Bürger eines Landes oder gar auf die ganze Menschheit. Man findet ihn bei Politiker:innen unterschiedlicher Parteien in Deutschland, die beispielsweise soziale Gerechtigkeit und den Wohlfahrtsstaat, Ökologie, oder allgemeine Menschenwürde und Asylrecht auf „christlichen Werten“ begründet sehen. Diese Form der Politisierung von Religion wird in stark säkularisierten Gesellschaften wie Deutschland nicht als problematisch wahrgenommen, da die gleichen politischen Standpunkte auch in säkularen Versionen existieren und die Begründungen praktisch austauschbar sind. Die religiöse Motivation kann also als persönlicher Note gewertet werden, nicht als Versuch, anderen Menschen eine Weltanschauung aufzuzwingen.

Der progressiv-individualistische Typ politisierter Religion ist eine Neuentwicklung der letzten Jahrzehnte, ausgelöst durch kulturelle Veränderungen. Typische Beispiele sind religiöse Formen von Feminismus und Homosexuellen- und Queer-Bewegung, die einen gerechten, liebenden Gott für sich reklamieren. Auch diese „politische Religion“ steht nicht im Konflikt mit säkularen Strömungen, umso mehr jedoch mit Konservativen und Fundamentalisten in der eigenen Religionsgemeinschaft (meist eine der großen Kirchen, denn kleinere Religionsgemeinschaften tolerieren solche Abweichungen meist nicht in ihrem Reihen). Diese sehen in der progressiven Theologie keine kreative Weiterentwicklung, sondern eine Pervertierung der religiösen Botschaft.

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